Keinen Sex zu haben ist okay!

Keinen Sex zu haben ist okay!

Ich finde, diese Botschaft kommt oft zu kurz. Warum?

In meinem privaten Umfeld und durch großartige Initiativen wie dieser nehme ich einen Aufschwung von sexueller Liberalisierung wahr. Dabei werden wichtige Schritte in Richtung Gleichberechtigung, sexuelle Vielfalt und freie Persönlichkeitsentfaltung gegangen. Gerade junge Menschen verstehen ihre Lust und ihre Vorlieben nicht als peinlich oder abnorm, sondern als wichtigen Teil ihrer selbst.

Mir begegnen dabei immer häufiger Wendungen wie „sich ausleben“ oder „sich ausprobieren“: Eine Freundin, die gerade nach langer Beziehung ihre neue Unabhängigkeit für sexuelle Kontakte nutzt, muss sich eben mal „ein wenig ausleben“. Ein Kollege, der jahrelang kein Kind von Traurigkeit war, ist nun in einer ernsthaften Beziehung, weil er sich jetzt „genug erforscht“ hat. In Sätzen wie diesen schwingt mit, dass für ein erfülltes Leben unbedingt viel Sex erforderlich ist, am besten mit möglichst vielen verschiedenen Personen. Sexualität dahingehend als etwas sehr Positives wahrzunehmen ist richtig und wichtig, aber es fehlt die Alternative. Die Aussagen legen den Umkehrschluss nahe, dass kein oder wenig Sex bedeutet, man kenne sich selbst nicht genug oder habe nicht richtig gelebt. Menschen, die nicht können, wollen, oder auch schlichtweg nicht so erfolgreich bei der Partner*innensuche sind, werden vergessen. 

Ist ihr Leben also weniger wert, da sie sich „nicht erforscht“ haben? Auf keinen Fall! Dass Sexualität wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung ist, bedeutet nicht, dass sich dies in mannigfaltigen sexuellen Beziehungen niederschlagen muss. Wenn Menschen aber dieses Bild annehmen und reproduzieren, sind Minderwertigkeitsgefühle vorprogrammiert. Ich denke, dass das für a-sexuelle Menschen oder solche, die aus anderen Gründen nicht möchten, traumatisierend sein kann. Personen, die wollen, aber kein großes Geschick aufweisen, könnten sich als Versager*innen wahrnehmen, für die Sex entweder unliebsame Pflicht wird oder die ihn sich übergriffig einfordern. So kann der Drang, Sexualität als Spaß für alle zu etablieren, anderen denselben nehmen. Entwicklung kommt aber nicht durch ausgelebte Sexualität per se, sondern durch den reflektierten Umgang mit ihr. Es ist also wichtig zu verstehen und auszudrücken, dass auch kein oder wenig Sex vollkommen normal ist und die Persönlichkeitsentwicklung genauso voranbringt. 

Sex ist für manche ein wichtiger Teil der Persönlichkeit, für andere aber auch nicht – und das ist genauso okay. Sex ist für viele schön und toll, aber nicht für alle. Es ist ein wichtiges Thema, aber Sex ist nicht das Wichtigste auf der Welt. Ich hätte mir für meine eigene Entwicklung gewünscht, dass ich diese Botschaft in meinem Leben mehr gehört hätte. Um ehrlich zu sein, wünsche ich mir das auch heute noch. 

– dieser Blog wurde verfasst von Friedrich.

“Der Inhalt dieses Blogs ist die Meinung des*r Autor*in und nicht die des Vereins. Indem wir die Möglichkeit schaffen Blogbeiträge zu veröffentlichen, bietet der Verein eine Plattform für Meinungsbildung und -austausch. Bei Interesse einen Blog zu verfassen oder Fragen, Anregungen, etc. meldet euch gern unter pr@wirhabenlust.de.”

Posted by wirhabenlust_admin

Schreibe einen Kommentar