Aha – die Körperbehaarung

Rasieren, epilieren, schneiden, zupfen, waxen, sugarn, lasern – die Liste der Haarentfernungs-Methoden ist lang und am Ende kosten alle meist viel Zeit, Geld, Nerven oder alles drei! Wer am Ende immer davon profitiert, ist die Schönheitsindustrie und im besten Fall auch das eigene Wohlbefinden.

Obwohl wir heute kaum noch Körperbehaarung haben, können sich Viele nicht damit anfreunden. Stellt euch mal vor wir wären noch genauso behaart wie unsere Vorfahren – ein dichtes Fell am ganzen Körper! Was heute davon übrig ist, ist wirklich nur noch das Nötigste: Haare, die uns schützen. Zum Beispiel die Augenbrauen schützen uns vor Schweiß in den Augen, Genitalhaare vor dem Eindringen von Keimen, Kopfhaare zum Sonnenschutz oder solche, die unsere körpereigenen Lockstoffe verbreiten, wie unter den Armen.

Aber mal von vorne: Haarentfernung ist nichts Neues und bereits in der Eiszeit vor 13.000 Jahren wurde zu langes Körperhaar entfernt – allerdings nicht aus ästhetischen, sondern praktischen Gründen: es war verdammt kalt und alles, was vom Körper abstand, lief Gefahr abzufrieren! Rasierer gab es damals noch nicht, deshalb wurden scharfe Steine oder Muscheln verwendet. Auch im altertümlichen Ägypten, antiken Griechenland oder alten Rom wurde Körperbehaarung fleißig entfernt, denn ein glatter Körper galt zum einen als Schönheitsideal – bei allen Geschlechtern! – zum anderen schütze er vor Läusen und anderen kleinen Tierchen, die sich gerne mal in warmen, feuchten, behaarten Körperregionen ansiedelten. Auch Bärte mussten dran glauben und selbst Pharaos schmückten ihr Gesicht meist lediglich mit einem Kunst-Bart. Zur Haarentfernung wurde oftmals Wachs oder ähnlich klebrige Substanzen, aber auch Bimsstein verwendet. Das war häufig gesundheitsschädlich, reizte die Haut – wurde aber dennoch ertragen. (Klingt nicht viel anders als manche Methoden heute, oder?)  

Als 1680 in der westlichen Welt das erste Rasiermesser auf den Markt kam, war es in der muslimischen Kultur bereits bekannt und verbreitet. Es dauerte dann eine ganze Weile, bis das Werkzeug zur Haarentfernung weiterentwickelt wurde; 1874 war es dann soweit und der erste Rasierhobel war erfunden. 1980 kam dann der heute immer noch verbreitete Systemrasierer und damit wurde das Tor zu einem riesigen Markt geöffnet. Dieser Markt lebt von dem 1915 in USA angestoßenen Ideal glatter, kahlrasierter (und dadurch „attraktiverer“) Frauen*körper, der spätestens nach dem 2. Weltkrieg auch nach Europa überschwappte und in Deutschland das während der NS-Zeit geprägte Bild der „deutschen“ Frau* mit üppiger, langer Körperbehaarung ablöste. Die Hippie-Bewegung brachte die Natürlichkeit und den „Busch“ in den 70er und 80er Jahren noch einmal zurück, konnte sich aber nicht durchsetzen und seit den 90ern sind jegliche Arten von Rasuren im Trend. Und eigentlich nicht nur im Trend, denn glatte Haut ist zu einer neuen Normalität geworden. Notwendig wäre ein kompletter Kahlschlag heutzutage aber nicht mehr: Unsere Hygienestandards sind so hoch, dass wir uns – außer am Kopf –  keine Sorgen über Läuse und Nissen machen müssen. Es ist mittlerweile eher das Problem, dass durch Rasuren, vor allem im Intimbereich, kein körpereigener Schutz vor eindringenden Bakterien oder Viren mehr besteht und deshalb nachweislich sexuell übertragbare Krankheiten bei komplett rasierten Personen größere Chancen haben als bei denen, die das ein oder andere oder auch alle Haare stehen lassen.

Neben dem hygienischen war schon immer der ästhetische Aspekt ein Grund zur Enthaarung – und dieser überwiegt heute bei den meisten. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es eine reine innere Motivation ist, sich – je nach Ausprägung der Haarprachten –  mehr oder weniger mühsam und zeitintensiv jegliche Haare zu entfernen, oder ob dieser scheinbar innere Wunsch nach einem „schöneren“ Körper nicht geprägt ist durch die Schönheitsindustrie und Werbung. Überall finden sich Bilder von aalglatten Frauen*körpern, selbst in der Werbung für Frauen*-Rasierer finden sich nur selten behaarte Körperteile, die rasiert werden – oft sind die schon vorher haarlos. Das kreiert ein völlig falsches Bild von Körperbehaarung bei Frauen*, denn nicht alle sind mit dünnen, kaum sichtbaren Härchen versehen. Genauso ist es bei Männern*: Lifestyle-Zeitschriften schreiben immer wieder darüber, dass Rückenbehaarung nicht gewünscht sei, dass Brust- oder Achselbehaarung nur bis zu einem gewissen Grad „sexy“ wäre und dass Intimbehaarung den Penis klein wirken ließe und deshalb lieber weg solle. So entstehen Idealbilder und –vorstellungen, die sich in den Köpfe der Menschen einprägen und denen nachgeeifert wird. Und die Schönheitsindustrie freut sich: Enthaarungscremes, -gels, -pasten, Heißwachs, Kaltwachs, Einwegrasierer, Trockenrasierer, Nassrasierer, Epilierer, Sugaring-Pasten, Pinzetten, Lasergeräte… All das wird den Menschen präsentiert und mit verqueren Körperbildern beworben. Was dabei nicht erwähnt wird: Hautreizungen und -irritationen, Schnitte, eingewachsene Haare, allergische Reaktionen sowie sonstige ungewollte Nebeneffekte und, nicht zuletzt, der große mit der Haarentfernung verbundene Aufwand.

Doch so langsam gibt es wieder einen stärkeren Gegenwind: 2018 initiierte eine Theaterstudentin den #januhairy – ein Aufruf sich im Januar nicht zu rasieren. Zweimal wurde die Aktion bereits wiederholt und auch 2021 wird sie wohl wieder stattfinden. Viele Menschen nutzen den Hashtag sowie den damit einhergehenden Support durch eine große Online-Community von Gleichgesinnten als Anlass, ihr Körperhaar wachsen zu lassen, sich bewusst Gedanken über dessen Entfernung zu machen, sich selbst neu zu sehen und sich vielleicht auch mit dem sonst so verpönten Haar anzufreunden. Natürlich greifen am 1. Februar viele gleich wieder zum Rasierer, ein großer Teil aber auch nicht oder nicht mehr so häufig. Das ist auch völlig okay, denn der #januhairy ist nicht dafür da, Haarentfernung zu verteufeln, sondern um einen bewussten Umgang mit dem eigenen Körper und der Behaarung anzuregen sowie gängige Bilder, Ideale oder Werbungen zu hinterfragen und das eigene Verhalten zu reflektieren.

Der nächste Januar kommt bestimmt, ihr müsst aber nicht bis dahin warten, um euch bewusst mit eurer Körperbehaarung und eurer Haltung dazu auseinanderzusetzen. Fangt doch gleich damit an! Dann seid ihr direkt vorbereitet, wenn der #januhairy vor der Tür steht! 

– dieser AHA-Beitrag wurde von Laura recherchiert und geschrieben.

Posted by wirhabenlust_admin

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