Sex und gender – was es über Geschlecht zu sagen gibt

Sex und gender – zwei Begriffe die sich beide mit Geschlecht übersetzen lassen. Und das meinen sie auch – allerdings auf unterschiedlichen Ebenen. In einem Instagram-Post haben wir über den Unterschied der zwei Begriffe aufgeklärt und erhielten daraufhin viele Kommentare, Diskussions- sowie Denkanregungen und Meinungen von euch. Darüber haben wir uns sehr gefreut, denn auch wir leben vom Austausch, vom Hinweis auf Blicke und Perspektiven, die wir vorher nicht hatten, und von immer wieder aufs Neue stattfindender Meinungsbildung und -hinterfragung. 

Im Blogeintrag hat Laura das Thema nun etwas genauer beleuchtet und sich mit Gender/ Queer Forschung, v.a. nach Butler und Degele, auseinandergesetzt. Sie stellt euch die Ergebnisse, als ein Blickwinkel unter vielen, vor.
(Im Text tauchen immer wieder Begriffe wie “Frau” oder “männlich” auf. Sie stehen bewusst in Anführungszeichen, denn gemeint sind damit keine festgeschriebenen Identitäten, sondern mit den Begriffen einhergehende erlernte Assoziationen, Erwartungen etc., die wir alle mehr oder weniger mitbekommen haben.)

Let‘s go!

Wenn von sex die Rede ist, ist damit das biologische bzw. anatomische Geschlecht gemeint. Es wird, aufgrund seiner vermeintlichen Natürlichkeit, oft in Gegensatz zu gender gestellt. Dieses bezieht sich auf das soziale bzw. soziokulturelle Geschlecht, sowie die damit einhergehende Geschlechterrolle und -identität. Das gender bezieht sich beispielsweise auf Erwartungen, Bilder, Vorstellungen, Ideale die wir von einem Geschlecht haben: “frauen”typisches Verhalten zeichnet sich durch x aus, “männer”typisches Benehmen durch y, “frauen”typisches Aussehen wird an Diesem und “männer”typisches Äußeres an Jenem festgemacht. Wenn eine Person gender-untypisches Verhalten, Aussehen, Sprechen etc. zeigt, fällt sie leider meistens sofort auf. Was man hierbei aber nicht vergessen sollte: gender ist keine Medaille, die zwei Seiten hat und man muss sich nicht entweder auf der einen, der anderen oder keiner Seite befinden, sondern gender kann als ein Kontinuum gesehen werden, mit den Polen „weiblich“ und „männlich“. Wo sich jede einzelne Person auf diesem Kontinuum wiederfindet kann sie selbst entscheiden. Und das auch nicht nur einmal, sondern immer wieder aufs Neue, denn manchmal verändert man sich und damit auch die eigene Identität. Nur, weil man zu einem vergangenen Zeitpunkt näher am „männlichen“ Pol war, muss man dort zu einem späteren Zeitpunkt nicht unbedingt immer noch sein. Fatal wäre es zu denken, dass man jeden Tag aufsteht und sich ein gender aussucht, auf das man gerade Lust hat. Es geht viel mehr darum, was man fühlt, wie man sich fühlt, als wer man sich fühlt und was man ausdrückt; es geht also um gender identity (also die gender-Identität – als was man sich identifiziert) und um gender expression (also den gender-Ausdruck – als was man sich gibt). Bei der gender identity sind die beiden Pole „Mann“ und „Frau“, bei der gender expression „männlich“ und „weiblich“. Dazwischen findet sich eine ungemeine Vielzahl von Identitäten und Ausdrucksweisen. Ist das nicht wunderbar? Niemand ist gezwungen sich nur an einem Pol des Spektrums aufzuhalten, natürlich ist es aber auch jeder Person selbst überlassen genau das zu tun. Auch müssen gender identity und gender expression nicht in irgendeiner Art und Weise übereinstimmen: Ich kann mich als „Frau“ identifizieren (identity) aber gleichzeitig „androgyn“, also weder eindeutig „weiblich“ noch „männlich“, kleiden, verhalten und geben (expression). Was als „weiblich/ Frau“ bzw. „männlich/Mann“ gilt, ist unterbewusst in den Köpfen der Menschen und in der Gesellschaft verankert – es ist sozial konstruiert und unterliegt keinen natürlichen Prozessen oder Tatsachen. 

Und wie ist das mit sex ? Unterliegt das nicht natürlichen Gegebenheiten? Die Antwort darauf ist: jain. Oftmals wird davon ausgegangen, dass sich aus unserem biologischen, naturgegebenen, Geschlecht, unserem sex, automatisch bestimmte eindeutige, geschlechtsspezifische Merkmale ableiten lassen. Aber auch hier ist es angebrachter von einem Kontinuum zu sprechen, denn auch aus anatomischer/ physiologischer/ biologischer Sicht, lassen sich „Frau“ und „Mann“ nicht immer klar voneinander abgrenzen. Schauen wir zum Beispiel auf die Chromosomen: Männer tragen ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen hingegen zwei X-Chromosomen. Das ist in den allermeisten Fällen auch eindeutig bestimmbar. Beim sogenannten gonadalen Geschlecht gibt es auch meistens eine eindeutige Zuordnung, aber nicht immer. Das gonadale Geschlecht wird durch das Vorhandensein von Hoden bei Männern und von Eierstöcken bei Frauen ausgedrückt. Sehr viel uneindeutiger wird es beim hormonalen Geschlecht: Frauen produzieren zwar in der Regel mehr Östrogene (z.B. Östradiol) als Männer, aber sie produzieren auch Androgene (z.B. Testosteron). Das ist die Hormongruppe, die bei Männern einen höheren Anteil hat. Die individuellen Werte der beiden Hormone können aber von Person zu Person schwanken und es ist durchaus möglich, dass es Frauen gibt, die mehr Androgene produzieren als manche Männer. Am wenigsten aussagekräftig ist zuletzt das morphologische Geschlecht, welches durch Vagina, Klitoris, Brüste und weitere sekundäre Geschlechtsmerkmale (z.B. Behaarung oder Körperbau) bei Frauen und durch den Penis und weitere sekundäre Geschlechtsmerkmale bei Männern ausgedrückt wird. Es fängt schon bei der Unterscheidung von Penis und Klitoris an: diese ist bei manchen Menschen nicht möglich und, um Eindeutigkeit zu schaffen, werden diese Personen dann meistens direkt nach der Geburt operiert. Aber auch andere Geschlechtsmerkmale wie Größe der Brüste, Körperbehaarung, Höhe/ Tiefe der Stimme, Muskelverteilung oder Körperbau variieren sehr stark. Es ist sogar davon auszugehen, dass die Variation innerhalb eines sex  (z.B. innerhalb der Gruppe der Männer) größer ist, als die zwischen den zwei sexes  Frauen und Männer. Zusammengefasst bedeutet das, dass es auch aus biologischer Sicht nicht nur die Frau auf der einen und den Mann auf der anderen Seite gibt, sondern – genau wie bei gender – man hier ein Kontinuum betrachtet, das „Frau“ und „Mann“ als Pole hat. Und auch hier ist es so, dass das sex einer Person nicht an ein bestimmtes gender gebunden ist. Nur weil jemand als „Mann“ geboren wird und einen Penis hat, muss er sich nicht als „Mann“ identifizieren oder „männlich“ verhalten.

Das klingt jetzt beinahe so, als müsse man sich lauter Skalen anschauen und sich überlegen, wo man sich selbst dort am besten platziert. Aber so ist es auf gar keinen Fall! Die ganze Theorie hinter sex  und gender, die zugegebenermaßen sehr verwirrend sein kann (und verwirrend heißt nicht unnötig!), ist dafür da um den Menschen bewusst zu machen, dass sie nicht in einer der beiden, binären Geschlechterrollen gefangen sind. Zum Beispiel nur, weil jemand als Mensch mit Vulva und Vagina geboren wird, muss sich diese Person nicht “weiblich” fühlen oder als “Frau” verhalten, sondern sie hat, wie alle Menschen, die Freiheit, sich als das zu identifizieren, als das sie sich fühlt, sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten möchte und wie sie sich wohlfühlt, ganz unabhängig von dem, was aus ihrem sex vermeintlich ableiten ließe.

Dieser kleine Ausflug in die theoretischen Grundlagen zu sex  und gender hilft euch hoffentlich dabei, die zwei Begriffe und das, was dahintersteckt, besser zu verstehen. Es gäbe noch deutlich mehr zu diesem Thema zu sagen, zum Beispiel auch Sichtweisen bestimmter Kulturen oder Religionen, aber dazu vielleicht ein ander Mal mehr. Hier soll es zunächst nur um ein Grundverständnis gehen. 

Was uns dazu noch am Herzen liegt: Wir und die Autor*innen der Blogbeiträge erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Perfektion. Alle geben sich Mühe, alles gut zu recherchieren und möglichst viele Blickwinkel einzubeziehen. Dennoch kann es sein, dass jemand mal etwas vergisst oder übersieht. Wenn das so ist, dann lasst es uns wissen, teilt eure Meinungen, Erfahrungen und euer Wissen mit uns und lasst uns gemeinsam wachsen, unsere Ansichten überdenken und unser Wissen vergrößern. 

Also: lasst euch von irgendwelchen Kategorien oder Skalen nicht verwirren, sondern nutzt sie eher als Hintergrundwissen. Und ganz wichtig: seid, wer und wie ihr sein möchtet und lasst uns Vielfalt leben 💜🌈!

Posted by wirhabenlust_admin

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