„Sex Education“ – die Netflix Serie


Mit Sex Education kam eine weitere Netflix-Serie (nein, das ist keine Netflix-Schleichwerbung!) raus, die sich um Sex, Sexualitäten, Beziehungen, Körper und jegliche Vielfalt dreht. Damit befindet sie sich mit weiteren Netflix-Serien easy, Grace and Frankie, Please like me, Lovesick, Sexify oder You Me Her in wunderbarer Gesellschaft. Aber irgendetwas ist anders: der Cast ist jünger, die Settings sind Jugendzimmer, eine Schule, der Abschlussball und es geht um mehr als „nur“ sexuelle Orientierung oder nicht-monogame Beziehungen.

Zugegeben, ich war anfangs große Freundin der Serie und – meines Netflix-Abos sei Dank – habe die erste Staffel innerhalb weniger Tage durchgeschaut. Auf die zweite Staffel habe ich mich riesig gefreut und ebenfalls gesuchtet. Ich liebte die Themenvielfalt – von Masturbationsproblemen, über Penis-Statuen und Abtreibungen, bis hin zu Outings und diversen sexuellen Vorlieben ist alles vertreten. Daneben natürlich auch Teenie-Dramen, verliebt sein, peinliche Eltern und Probleme in der Schule. Das Tolle: die Themen werden nicht nur kurz behandelt oder angeschnitten, sondern sie werden ausführlich gezeigt, ziehen sich zum Teil durch mehrere Folgen, tauchen immer wieder auf, werden hier und da aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt. Definitiv eine abwechslungsreiche, unterhaltsame und aufklärerisch-angehauchte Serie, die auf jeden Fall einiges an Wissen vermittelt oder die weitere Wissensbeschaffung anregt.


Auch das Setting ist interessant, denn es ist (aus meiner Perspektive) so gewählt, dass sich weder Zeit noch Ort genau identifizieren lassen – die Menschen und Gebäude sehen aus, als würden sie aus den 80ern stammen, trotzdem besitzen alle Charaktere schon Handys; die Landschaft lässt vermuten, dass die Serie im Vereinigten Königreich spielt, aber an der Schule werden keine Schuluniformen getragen, was wiederum gegen das UK spricht. Die Charaktere sind in vielerlei Hinsicht divers – zumindest auf den ersten Blick. Sie unterscheiden sich auf mehreren Ebenen, nichtsdestotrotz ist der Rahmen letztendlich weiß, mittelschichtig und heterosexuell.
Obwohl die Serie viele Themen anspricht, die sonst wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, reproduziert sie doch Einiges, was im alltäglichen Leben schiefläuft und von dem wir weg wollen. So beginnt die erste Folge gleich mit einem vermeintlichen Hetero-Sex-Debakel bei einem Pärchen: Adam, die Person mit Penis, kann nicht kommen, täuscht einen Orgasmus vor, fliegt auf, streitet es ab, schämt sich dafür. Das Thema beschäftigt Aimee, Adams Gegenüber mit Vulva und Vagina, in den kommenden Tagen enorm – liegt es an Aimee? Ist Aimee gut genug? Ist die Beziehung überhaupt noch gut, wenn Adam nicht zum Orgasmus kommt? Anstatt eine solche Szene zu nutzen, um darüber aufzuklären, dass es absolut kein Drama ist, wenn die Person mit Penis beim penetrativen Hetero-Sex nicht kommt, dass nicht gleich das eigene sexuelle Können oder gar die Beziehung angezweifelt werden müssen, weil ein zum Orgasmus gebrachter (Mensch mit) Penis nicht alles ist, worum sich Hetero-Sex drehen sollte, werden alltägliche Bilder und stereotypische Annahmen reproduziert und somit verfestigt.


Ein ähnliches Schema läuft bei Adams Outing ab. Adam hat (sich und anderen) lange verheimlicht, dass er nicht heterosexuell ist, vermutlich aus Angst vor Reaktionen aus dem Umfeld – wie es sich dann zeigt waren diese nicht komplett unbegründet. Hier hätte ich mir gewünscht, dass die Serie ein positives Beispiel bringt und ein Umfeld, eine Gesellschaft konstruiert, in der Outings nichts Dramatisches sind oder in der Outings sogar überflüssig sind, weil es keine heteronormativen Annahmen gibt. Eine Serie wie diese wäre eine so tolle Möglichkeit zu Träumen, Zukunftswünsche und neugedachte Normalitäten zu präsentieren und über das bisher Vorgelebte hinwegzudenken. Natürlich gibt es Szenen, in denen das (ansatzweise) geschehen mag, sie sind dennoch in der Unterzahl und auf Anhieb fällt mir kein gutes Beispiel ein.


Ich möchte die Serie nicht komplett schlechtreden. Im Gegensatz zu anderen Serien und Filmen ist sie schon deutlich offener, vielfältiger und sie spricht durchaus wichtige Themen an. Nichtsdestotrotz finde ich es schade, dass Sex Education den bekannten Rahmen doch nicht so sehr sprengt, wie es auf den ersten Blick scheint; und es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, sich dessen bewusst zu sein.
Ich bin gespannt auf die nächste Staffel und wünsche mir sehr, dass dort noch mehr Unterhaltung, Diversität und Aufklärung und dafür weniger Heteronormativität, weiße Mittelschicht und Stereotype auf uns warten!

– Autorin des Artikels ist Laura.

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Posted by wirhabenlust_admin

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