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Emily Nagoski: Komm, wie du willst – Das neue Frauen-Sex-Buch

First things first: Was haben wir gelesen?  

In “Komm, wie du willst – Das neue Frauen-Sex-Buch“ schreibt Emily Nagoski über Sex, Orgasmen, Brems- und Gaspedale (ja, tatsächlich) und am wichtigsten: Darüber, dass wir alle so unglaublich verschieden und einander gleichzeitig so ähnlich sind. Die 1977 geborene amerikanische Sexualwissenschaftlerin und Autorin sammelt in ihrem 2015 erschienen Buch Erkenntnisse aus 20 Jahren Erfahrung als Sexualpädagogin. Nagoski hat an der University of Delaware Psychologie und später an der Indiana University Beratungspsychologie studiert, dort einen Doctor of Philosophy in “Health Behavior” gemacht und arbeitet seit 1995 mit Student*innen, um mit ihnen über Sexualität, Kommunikation, Beziehungen und Stress Management zu sprechen. All ihre Erfahrungen gibt die Sexualpädagogin in ihrem Buch wieder. Auf fast 500 Seiten beschreibt die Autorin belegt durch 210 Quellen, wie wir zu unserer Sexualität finden und endlich den Sex haben können, den wir haben wollen.  

“(…) ich möchte nicht warten, bis wir in einer sexpositiven Gesellschaft leben, um das Sexleben zu führen, das ich gerne möchte.” (“Komm, wie du willst”, Emiliy Nagoski, Seite 328)  

Worum es in diesem Buch geht, ist schwierig auf den Punkt zu bringen, deshalb greife ich eine Metapher Nagoskis auf: Stellt euch vor, ihr seid in der Wüste – mit einer Aloe Vera und einer Tomatenpflanze. Sinngemäß schreibt sie, dass die Aloe in der Wüste gut überleben kann, während die Tomate eingehen wird, obwohl ihr sie gleich pflegt. Die Schlussfolgerung lautet also, dass zwei Pflanzen, in derselben Umgebung, nicht die gleichen Überlebensvoraussetzungen haben und weiter, dass sich das genauso auch auf uns Menschen und unsere Sexualität übertragen lässt. Solche Metaphern ziehen sich durch das gesamte Buch hindurch, zusammen mit Beispielen, die Nagoski aus Geschichten ihrer Student*innen gebastelt hat. Dabei schreibt sie als Frau an cis Frauen (wobei sie zu Beginn sagt, dass ihr Buch aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Erkenntnisse allein auf Frauen bezogen ist, die als Mädchen geboren und aufgewachsen sind und denen sowohl die gesellschaftliche Rolle als auch die psychische Identität als Frau anhaftet) und bricht eine Menge an Tabus auf. Dazu gehören sämtliche Orgasmusmythen (u.a. die Wahrscheinlichkeit für eine Frau beim ersten Sex mit einer*einem neuen Partner*in zum Orgasmus zu kommen) und dass der männliche Standard eben nur das ist – der männliche Standard und nicht der Standard für die gesamte Menschheit. Sie spricht über responsives und spontanes Verlangen, über genitale Reaktionen, die nicht immer mit unserer sexuellen Erregung übereinstimmen und über noch so vieles mehr – nur um einen kleinen Vorgeschmack zu geben.  

Basis allen Wissens ist die Aussage “Lauter gleicher Teile, aber anders zusammengesetzt” (“Komm, wie du willst”, Emiliy Nagoski, Seite 94). Damit verdeutlicht Nagoski immer wieder, wie wichtig es ist, den genetischen Unterschied zwischen cis Frauen und cis Männern anzuerkennen und zu erkennen, dass cis Frauen und cis Männer trotz dieser Unterschiede vollkommen gleichwertige Sexualitäten haben.  

Über das gesamte Buch verteilt stellt die Autorin den Leser*innen immer wieder kleine Aufgaben – sei es “schau dich im Spiegel mal ganz genau an und sag, was du schön an dir selber findest” oder ein Fragebogen, der ausgefüllt werden kann, um mehr über die eigene Sexualität herauszufinden.  

Kurz gesagt: Emily Nagoski hat ein Buch geschaffen, das zugleich Lehrbuch, Mitmachbuch und Roman ist.  

Jetzt mal ganz ehrlich: Was denken wir?  

Wahrscheinlich nehme ich nicht zu viel vorweg, wenn ich euch mitteile: Wir sind begeistert. Ein Buch an cis Frauen und über cis Frauen, das Männern in keiner Weise beleidigend entgegentritt (teilweise sogar eher im Gegenteil) und zum Verständnis der weiblichen Sexualität eine gute Grundlage bietet. Nagoski gelingt es, anschaulich zu erklären, wie sexuelle Reaktionen mit gesellschaftlichen Normen und sozialem Kontext zusammenhängen. Mit lauter Metaphern, Beispielen und gleichzeitig wissenschaftlichen Herleitungen schafft sie eine wortwörtliche Wohlfühloase. Sie vermittelt das Gefühl, dass wir alle “normal” und gut sind, so wie wir eben sind. Dies tut die Autorin so strukturiert und behält im gesamten Buch einen roten Faden bei, dass der*die Leser*in immer weiß, was sie*ihn erwartet und selbst auch Bezüge zwischen den einzelnen Kapiteln herstellen kann. Insgesamt umfasst das Buch viel mehr, als wir erwartet hätten. Es geht nicht nur um Anatomie und Sex, es geht um den gesellschaftlichen Kontext all dieser Dinge und regt den*die Leser*in an, über Dinge nachzudenken, auf die er*sie alleine – vermutlich – gar nicht gekommen wäre.  

Nichtsdestoweniger haben wir an ein paar Stellen gedacht “hm, irgendwie nicht so ideal”: Unter anderem verwendet Nagoski in ihren Beispielen immer Paare. Zwar nicht nur heterosexuelle Paare, dennoch hätten wir uns gewünscht, dass es vielleicht auch mal um eine Frau alleine geht – ohne eine zweite Person. Außerdem geht die Autorin in ihren Beispielen und Ausführungen fast ausschließlich auf das binäre Geschlechtermodell ein. Hinzu kommt, dass es in den Beispielen um insgesamt 4 Paare ging und wir als Leser*innen am Ende gar nicht mehr richtig zuordnen konnten, wer jetzt wer war und bei wem was genau passiert ist.  

Und auch wenn sich die wissenschaftlichen Ausführungen im Rahmen halten, gibt es manche Stellen, die wir zwei-, drei- oder sogar viermal lesen mussten, um sie zu verstehen. Wobei, ganz ehrlich, manches habe ich noch immer nicht wirklich verstanden – allerdings ist das wahrscheinlich auch gar nicht nötig, da man sich mit der ein oder anderen Thematik einfach öfter beschäftigen muss, bis es Klick macht.  

Erinnert ihr euch an die Fragebögen, die ich zuvor erwähnt habe? Die sind so persönlich, dass wir das Buch nach dem Ausfüllen wohl kaum an eine weitere Person weitergeben wollen würden. Außerdem sind sie lang. Sehr, sehr lang, sodass man sich dazu wirklich die Zeit nehmen muss.  

Ja, ein ganz großes JA!  

Unser Fazit lautet trotz vereinzelter Kritikpunkte: Es gibt nicht einen Menschen, der dieses Buch nicht gelesen haben sollte. Im Prinzip jede*r, die*der bereit ist, Strukturen zu hinterfragen, neues über (die eigene) Sexualität zu lernen und sich selbst besser kennenlernen möchte. Nagoski gibt ihren Leser*innen nicht nur wertvolles Wissen über den eigenen Körper an die Hand, sondern gleichzeitig auch das nötige “Werkzeug”, um etwas zu verändern. Vielleicht ist “Komm, wie du willst” nicht das perfekte Einstiegsbuch, zumindest nicht, wenn wissenschaftlicher Background eher abschreckend auf euch wirkt – aber gerade deshalb ist es auch so unglaublich lehrreich. Wir gehen aus diesem Monat mit ganz viel innerer Ruhe und der Gewissheit, dass wir verdammt noch mal normal sind! Nagoski schafft es, dass wir uns angenommen und wohl in unserer Haut fühlen – was wollen wir denn mehr?  

“Komm, wie du willst” bekommt von uns ganze 4,5 von 5 Sternen.  

Wenn ihr mehr über die Autorin erfahren wollt, dann schaut mal hier vorbei: 
https://www.emilynagoski.com/the-facts  

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Postkarten – Aktion

Die deutsche Bischofskonferenz verleiht jedes Jahr einen Preis an ein Kinder- oder Jugendbuch und veröffentlicht darüber hinaus eine Empfehlungsliste. Das Preisbuch wird von einer Jury ausgewählt. Dieses Jahr hat die Jury sich für das Buch “Papierklavier” entschieden, die DBK aber beschlossen, den Preis nicht zu vergeben und das Buch außerdem von der Empfehlungsliste zu nehmen. In unserem E-Mail-Verkehr mit dem Sprecher der DBK erhielten wir nur immer die Begründung, das Buch entspreche nicht den Kriterien. Ein Jurymitglied hat aber ganz klar erklärt, dass das nicht stimmt.
Wir wollen also nach wie vor wissen: warum hat das Buch dann keinen Preis bekommen?
Du auch? Dann mach mit bei unserer Aktion!

  1. Such dir eines der Postkartenmotive aus und entscheide, ob du einen fertigen Text von uns willst oder deine Frage an die DBK selbst formulieren möchtest
  2. Drucke die Postkarte aus
  3. Klebe die beiden Seiten entweder auf ein Stück Pappe oder – wenn du keins hast – stecke sie in einen Briefumschlag
  4. Unterschreibe die Karte
  5. Kleb eine Briefmarke drauf oder frankier sie mit dem Handy
  6. Ab geht die Post!
    Gemeinsam können wir was erreichen!

Danke an an unser Mitglied Julia für die wunderschönen Postkarten!

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