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Konsens in Pornos – Interview mit Porno-Regisseurin Ragna Spargel

Ragna Spargel hat vor einiger Zeit bei einem feministischen Porno Regie geführt und dazu haben wir sie ausgequetscht. Lest rein, wenn ihr wissen wollt, welche Rolle Konsens vor und hinter der Kamera bei einer Pornoproduktion spielt!

Das Interview findet ihr auch hier beim BUUH!-Magazin.

Liebe Ragna, könntest du dich kurz vorstellen und erzählen, was du machst?

Ragna: Ich bin Ragna Spargel, ich bin 30 Jahre alt und ausgebildete Sexualpädagogin und Soziologin. Ich studiere momentan soziale Arbeit und arbeite nebenbei an unterschiedlichen Projekten im Bereich Sexualpädagogik. Meine Lieblingsthemen dabei sind Pornografie, Medienkompetenz vor allem im Bezug auf Jugendliche, aber auch für Erwachsene. 
Selbstbestimmte Lust, finde ich, ist auch ein fantastisches Thema und momentan arbeite ich an einer kleinen Selbstständigkeit in Richtung Mutterschaft, Sexualität und Lust. Das Mama-Dasein ist nämlich eine ganz verrückte gesellschaftliche Rolle, der sehr viel Sexualität abgesprochen wird und wo es ganz viele Tabu-Themen gibt. 

Wie bist du denn dazu gekommen, einen Porno zu produzieren – beziehungsweise Regie zu führen – der das Thema Konsens in den Fokus rückt?

Ragna: Während meiner sexualpädagogischen Ausbildung waren Medienkompetenz bei Jugendlichen und Kindern sowie Pornografie immer wieder Thema. Hier wurde eigentlich eher der präventive Aspekt beleuchtet, weil Pornografie mittlerweile so in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, dass Kinder und Jugendliche sehr frühen Erstkontakt damit haben - mit acht, neun Jahren im Durchschnitt. Pornografie schafft oft überhaupt erst Zugang zum Thema Sexualität und greift eventuell sogar dem Sexualkunde-Unterricht in der Grundschule oder der Aufklärungsdiskussion mit den Eltern voraus. Da kamen im Rahmen des Studiums Fragen auf: Wie muss man das begleiten? Was sind die Gefahren dabei? Gleichzeitig habe ich mir gedacht: Was für Chancen hat Pornografie auch? Wie kann man das Thema positiv besetzen? Das läuft dann natürlich nicht im Kontext von Kinder- und Jugendbildung, weil Pornografie ein Produkt für Erwachsene ist, selbst wenn Kinder und Jugendliche es auch schon konsumieren. Auch ein Porno, den ich produziere, ist natürlich nicht für unter 18, das fällt unter den Jugendschutz. Trotzdem ist es, glaube ich, wichtig, dass man die Pornolandschaft weitflächig und langfristig verändert, statt das Produkt in dieser zwielichtigen Ecke zu lassen. Wir wissen alle, dass wir es konsumieren - der Großteil der Gesellschaft auf jeden Fall - aber alle wissen auch, dass die Produktionsbedingungen nicht besonders cool sind, dass die Themen, die dort vermittelt werden, nicht besonders cool sind, dass da ganz viele Dinge falsch laufen. Und trotzdem lassen wir es dort, statt es intrinsisch zu verändern. Und dann musste ich eh dieses Abschlussprojekt machen und dachte mir: Wie wär´s, wenn ich mich einfach mal daran ausprobiere, ein partizipativen, konsens-basierten und sexualpädagogisch begleiteten Porno zu produzieren? Das habe ich dann gemacht.


Ist dieser Porno aus deiner persönlichen Lustvorstellung geboren oder gehst du bezüglich des Plots mehr auf die Bedürfnisse anderer ein?

Ragna: Tatsächlich hatte ich mit den Inhalten gar nicht so viel zu tun. Es war so ausgelegt, dass unsere Darsteller*innen das Skript selbst schreiben und alles auf Basis ihrer eigenen Fantasien und Wünsche dargestellt wird. Das war meine Prämisse. Meine Fantasien wurden also gar nicht bedient, die spielten da überhaupt gar keine Rolle. Deswegen haben wir dem Dreh auch einen mehrtägigen Workshop vorausgestellt, den ich konzipiert und sexualpädagogisch begleitet habe. So konnten sie sich überlegen, was sie darstellen möchten - denn auch, wenn man privat selbstbewusst aufgestellt ist, sind das bei einem Dreh ganz andere Umstände. Mir war wichtig, dass die Grenzen im Voraus klar kommuniziert werden. Am Ende des Workshops stand dann ein lockeres Drehbuch. Bei einem Porno in einer Mainstream-Branche ist das Drehbuch klar vorgegeben; Ich halte es allerdings für sinnvoll, Spielraum für Spontanität und Entwicklung zu haben, die in dem Moment entstehen: So ist Sex eben. 

Und damit wären wir auch schon beim Thema: Konsens. Wie stellt man den vor der Kamera dar, verbal oder bildsprachlich? Kann man Konsens überhaupt nonverbal darstellen?

Ragna: Tatsächlich wurde relativ wenig geredet. Wir haben im Vorfeld darüber gesprochen, ob wir das als Stilmittel oder als Methode verwenden, dass wir für die Zuschauer*innen sichtbar verbalisieren, was ja eigentlich sehr wichtig ist. Die beiden haben sich aber dagegen entschieden, was im Nachgang von einigen Menschen kritisch gesehen wurde - was ich auch verstehen kann. Neben perspektivischen Überlegungen mit dem Kamerateam haben wir versucht, Konsens nonverbal darzustellen, indem unsere Hauptdarstellerin häufig den Ton angegeben hat, durch Gesten, Berührung, zum Beispiel durch das Leiten der Hand des Darstellers. Durch nonverbale Gesten: Das möchte ich, das gefällt mir, das finde ich gut - wie das ja beim Sex im Privaten auch oft abläuft. Und trotzdem wäre es wichtig, generell mehr verbal zu thematisieren, was man für Bedürfnisse und Vorlieben hat. Ich denke, man sollte sowohl in der Industrie als auch privat daran arbeiten, dass ausgesprochener Konsens beim Sex Platz findet, ohne dass es für alle ein Cringe-Gefühl ist. Man hat vielleicht das Gefühl, das würde den Flow unterbrechen, dabei läuft Sex ja grundsätzlich eigentlich selten ohne Kommunikation währenddessen ab. Diese Realität sollte in der Pornografie auch Einzug halten.


In deinem Porno gibt es eine Szene, in dem die Darstellerin dem Darsteller einen Gürtel überreicht hat, um ihren Konsens auszudrücken.

Ragna: Genau, stimmt, das ist die nonverbale Kommunikation, die ich meine. Sie drückt damit aus: Hey, du darfst mich jetzt mit dem Gürtel an diesen Balken fesseln. Sicherlich war das einigen Menschen noch nicht genug, aber man kann auch nicht immer allen gerecht werden. 

Du hast den Porno vor Publikum vorgestellt, mit anschließender Diskussionsrunde. Kam dabei Input oder Kritik zum Thema Konsens? Würdest du jetzt etwas anders machen?

Ragna: Ja, auf jeden Fall. Ein paar Leute haben eben genau das gesagt, dass sie sich mehr verbalen Ausdruck von Konsens gewünscht hätten. Ein anderes Kritik-Thema war Diversität, weil zwei weiße und prinzipiell normschöne heterosexuelle Menschen Sex miteinander hatten. Das ist auch eine total wichtige Kritik. Dazu habe ich aber damals schon gesagt: Das war ein Pilotprojekt, das aus dem privaten Umfeld entstanden ist. Nach meinem Aufruf Menschen zu finden, die sowohl Lust hatten, als auch zu meiner feministischen Ästhetik passten, das war eine ziemliche Gratwanderung. Viele Männer haben mich kontaktiert, sie hätten einen großen Penis und würden gerne mitmachen, was natürlich nicht meinen Kriterien entspricht. Die Auswahl war letzten Endes einfach beschränkt - dadurch sind es dann zwei weiße normschöne, cisgender und heterosexuelle Menschen geworden - wobei das nicht stimmt, die Darstellerin ist bi, aber das stellt sich natürlich nicht dar. Diversität ist in jedem Fall ein Thema, auf das ich auf lange Sicht auf vielerlei Ebenen mehr achten möchte. 
Zum Thema Konsens wurde außerdem kritisiert, dass unsere Darstellerin zwar von ihrem Wesen her dominant ist, aber im Porno eine submissive Rolle hat. Viele Menschen fanden es schwer, diese an BDSM angelehnten Szenen mit dem Thema Konsens zu vereinbaren. Dieser Fetisch wird aus der links-feministischen Szene von einigen Menschen sehr skeptisch betrachtet. Das Thema wird stark intellektualisiert und es wird gefragt, wie es denn überhaupt dazu kommen konnte, dass diese Frau das Bedürfnis hat, submissive zu sein. “Das sind doch intrinsische patriarchale Strukturen, dass sie in dieser Rolle ist!”. Ich halte das für einen wahnsinnig toxischen Umgang mit dem Thema Fetisch und Kinks. Wenn hier immer wieder hinterfragt wird, ob das denn jetzt wirklich selbstbestimmt ist, dass diese Frau Empowerment dadurch erfährt, indem sie geschlagen oder angespuckt wird, obwohl es einfach ihr Fetisch ist und sie ihn selbstbewusst auslebt. Ich sehe aber ein, dass es schwer ist, das darzustellen. Hier wurden im Nachhinein sehr hohe Ansprüche gestellt an dieses doch sehr selbstgemachte Pilotprojekt. Das sind jedoch alles Dinge, die man in Zukunft, wenn man das mit einem Kollektiv weiterspinnen würde, sicherlich mit mehr Tiefgang behandeln kann.

Wodurch hast du dich denn noch so inspiriert gefühlt? Gibt es bestimmte feministische Pornos, die du als Inspirationsquelle verwendet hast?

Ragna: Wenn man sich die Pornobranche anguckt, gibt es prozentual gesehen noch einen relativ kleinen Anteil von feministischer Pornografie, aber es gibt auf jeden Fall Leute, die solide feministische Pornos produzieren. Ich glaube mein erster Kontakt damit war - wie bei vielen anderen Menschen auch - über Erika Lust, die filmisch richtig gut ist. Das sind cinematografisch gesehen richtige Meisterwerke die sie produziert, aber leider fällt sie auch immer wieder unter die Kritik von Konsens. Sie hat in den letzten Jahren auch ganz schön viel Gegenwind gekriegt, weil im Nachgang Darsteller*innen gesagt haben, dass das am Set dann eben doch nicht so konsensorientiert abläuft. Es wird auch dadurch über Grenzen gegangen, dass öfter mal Fans von ihr mitspielen, also Privatpersonen. Da kommt es auch immer mal wieder vor, dass die dieses ganze Setting gar nicht gewohnt sind, oder dass sie einfach noch nie Sex vor der Kamera hatten. Was ich abgesehen von Erika Lust empfehle, sind die Four Chambers Produktionen, die aus England kommen. Da wird immer monatlich was hochgeladen, und die Produktionen finde ich sehr spannend und inspirierend. 

Du hast vorhin schon davon erzählt, wie das Thema Konsens zwischen den Darsteller*innen deines Pornos umgesetzt wurde, wie sah das denn generell an deinem Set aus? 

Ragna: Ich habe vorher auch schon mit den Darsteller*innen sehr lange Gespräche geführt, telefonisch und auch persönlich. Der Workshop ging dann zwei oder drei Tage und im Anschluss kam der Drehtag. Im Prinzip ist der Film relativ kurz, es sind 20 oder 25 Minuten (was ja auch schon ein längerer Porno ist). Der Drehtag hat aber mehrere Stunden gedauert, damit wir viele Pausen machen konnten - mir war wichtig, uns viel Zeit zu nehmen. Es gab auch Momente, in denen die Darsteller*innen diese eingefordert haben. Es wurde also nicht die ganze Zeit durchgevögelt, sondern auch viel darüber geredet. Für genau diesen Austausch zwischen Darsteller*innen, Filmer*innen, der Tonfrau und dem Licht waren diese Pausen da, wenn es zu anstrengend wurde, haben wir mal wieder eine Zigarette geraucht, Sekt getrunken, Pizza gegessen, und sind an die frische Luft gegangen, um eben nicht diesen Performance-Druck zu haben. So war auch genug Zeit da, zu äußern, wenn man etwas anders machen wollte.

Wie hat diese Erfahrung dein eigenes Sexualleben verändert?

Ragna: Ich war davor schon sehr offen, was das Thema Sexualität angeht. Aber ich glaube, dass ich durch das Projekt einfach nochmal mehr Offenheit und Gelassenheit diesbezüglich erlangt habe, und das einfach sehr selbstverständlich thematisiere. Da habe ich keine wirklichen Hemmschwellen mehr, auch egal mit wem ich spreche. Ich habe mit meiner Oma drüber geredet, oder auch mit meinen Eltern. Ich kann jetzt generationenübergreifend einfach sehr offen über Sexualität und auch Pornographie reden.
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Don’t Feel It!

Im Rahmen unserer Kollaboration mit dem BUUH!-Magazin beschäftigen wir uns mit verschiedenen Arten von Lust und wie mensch diese ausleben kann. Ziel ist es schließlich, Sexualität zu enttabuisieren. Doch was, wenn mensch gar keine Lust auf Sex hat? So sehr es – gerade als Frau (WGP) – verpönt ist, in der Öffentlichkeit kundzutun, dass mensch gerne viel Sex hat, so sehr ist es gleichzeitig ein Problem, darüber zu sprechen, wenn die Libido ausbleibt. Dabei geht das doch eigentlich nur eine*n selbst was an!

Falls ihr schonmal keine Lust auf Sex hattet oder vielleicht auch insgesamt nicht so den Drang verspürt – kein Stress, auch das ist völlig normal!

Wir haben ein paar Erfahrungsberichte gesammelt von Personen, die es einfach nicht fühlen, ob zeitweise oder dauerhaft. 

Erwartungsdruck

In meiner letzten Beziehung haben wir uns meistens nur am Wochenende gesehen. Für mich war das nicht weiter schlimm, jedoch für meinen Ex-Partner, da er mich am liebsten jeden Tag gesehen hätte. So kam es dann auch dazu, dass er immer erwartet hat, dass sobald ich zuhause war auch mit ihm schlafen “sollte”. Es war wie ein Programm! Ich fühlte mich als MÜSSTE ich regelrecht mit ihm jeden Freitag bis Sonntag mehrmals schlafen und am besten schon halb nackt in seiner Eingangstür stehen, wenn ich freitags zu ihm kam. Dadurch hatte ich immer weniger Lust mit ihm zu schlafen... 

Müdigkeit

Nach einer 50 Stunden harten Arbeitswoche ist man am Ende der Woche einfach nur ausgelaugt. Unter der Woche schafft man es meistens noch gerade so abends was zu kochen und Sport zu machen, aber das war es dann schon oft. Daher kommt bei viel Arbeit, bei mir auch kaum Lust auf Sex auf! 

Stress

In Stresssituationen merke ich immer wieder, dass ich keine Lust auf Sex verspüre. Und wenn ich mich doch darauf einlassen kann, kann ich den Sex nicht genießen und habe dann auch beim nächsten Mal weniger Lust. 

Eigener Druck  

Wenn es in Richtung penetrativen Sex geht, und mein Kopf mir den Stress macht, nicht Feucht genug zu sein.  
Generell wenn der Kopf bei anderen Gedanken ist.  

Psychische Schwierigkeiten 

Ich habe große Probleme Nähe zuzulassen. Sobald ich merke, dass mein:e Partner:in Sex möchte, stresst mich das sehr, ich setze mich extrem unter Druck und habe das Gefühl innerhalb der Beziehung diese Aufgabe “erfüllen” zu müssen. Dann geht einfach gar nichts mehr. Körperliche Nähe ohne Druck zu verspüren fällt mir extrem schwer. Und an manchen Tagen bin ich einfach zu niedergeschlagen, um Lust zu verspüren.  

Chronische Schmerzen 

Ich leide unter schwerer Endometriose, die mich schon bei gynäkologischen Untersuchungen vor Schmerzen aus dem Stuhl springen lässt. Die ständige Angst vor anhaltenden Schmerzen und Nachblutungen als Reaktion auf Sex ist ein echter Lustkiller. Abgesehen davon, dass es die Lage ziemlich erschwert, wenn man einfach unverbindlich Spaß haben will. Wenn ich erst mal erklären muss, was er wie und wie nicht anfassen darf, weil sonst mein Körper rebelliert, ist das ganz schön belastend und führt auch nicht gerade dazu, dass ich mit dem Thema lockerer umgehe. Zu groß ist die Angst vor uneinfühlsamen Partnern, die das nicht verstehen (wollen). Die Folgen trage im Zweifelsfall ich. Und das unter Umständen tagelang. Ich möchte einfach, dass es akzeptierter ist, erstmal nicht zu wollen und auch generell gehemmter zu sein. Wenn ich 20 von 30 Tagen im Monat Unterleibsschmerzen habe, die es mir schon schwer machen, überhaupt eine Hose mit Bund anzuziehen, dann denke ich nicht unbedingt an Sex. Und dann möchte ich mich auch nicht ständig als prüde bezeichnen lassen müssen oder erklären müssen, warum ich nicht will oder sogar Angst vor Sex habe.  

Hormonelle Verhütung 

Während meiner ersten Beziehung fing ich nach ein paar Monaten an, den Nuva-Ring zu benutzen. Das alles gestaltete sich ganz easy und ich war zunächst sehr froh, weil wir davor mit Kondom verhütet haben und das oft gerissen ist. Die Anwendung ist easy, man spürt nichts usw. Die Hormondosis ist scheinbar auch geringer und wirkt ja nur lokal im Vergleich zur Pille. Trotzdem merkte ich nach einem Jahr zunehmend, wie ich immer weniger Lust auf Sex hatte. Ich verlor zunehmend die Lust an meinem Körper und konnte mir nicht mehr vorstellen, jemanden an mich heranzulassen, weil ich so unsicher war.  

Monate später ließ ich mir die Kupferkette einsetzen, setzte den Ring ab und – siehe da - nach nur zwei Tagen hatte ich bereits wieder Lust. Es fühlte sich an wie ein Feuerwerk. Ich fand mich selbst unglaublich heiß und freute mich über meinen Eisprung, den ich extrem stark spürte. Ich hatte vollständig das Gefühl für meinen (unterdrückten) Zyklus verloren.  

Natürlich können Schwankungen in der Libido auch immer mit Lebensumständen und allem Möglichen zusammenhängen, das vielleicht einen Verlust noch begünstigt. Dennoch ist der hormonelle Einfluss des Nuva-Rings nicht zu leugnen: Seit dem Absetzen weiß ich wieder, dass ich ja eigentlich eine Person bin, die ihre eigene Sexualität und ihren Körper sehr genießt und frei und ungehemmt ausleben möchte!  

Hefepilzinfektion/ wiederkehrende Geschlechtskrankheiten  

Über ein Jahr lang hatte ich fast durchgehend vaginale Hefepilzinfektionen. Und wer das schon mal hatte weiß: mit Sex ist da nicht viel. Aber wie geht man dann damit um, wenn man fast ein Jahr lang nicht mit seinem Freund schlafen kann? Weil es im Grunde unaushaltbar ist, ständig abends nebeneinander zu liegen und Lust zu haben ohne miteinander schlafen zu können, hat mein Körper einfach irgendwann zugemacht. Selbst wenn die Möglichkeit bestand, dass die Infektion abgeheilt sein könnte, hat die Angst, dass meine Schleimhäute wieder anfangen zu brennen und zu Jucken die Lust oft besiegt. Denn mein Kopf hat angefangen Sex und den Schmerz automatisch miteinander zu verbinden. Erst als der Grund für meine Immunschwäche rausgefunden wurde und die Infektionsmisere aufgehört hat, konnte ich wieder den Spaß am Sex entdecken. Wenn ich mir rückblickend Tipps geben könnte? Kein schlechtes Gewissen haben, wenn man keine Lust auf Sex hat, aber mit dem*der Anderen (wenn man in einer Beziehung ist) über Lust und Gründe für Lustlosigkeit kommunizieren! Und zweitens: selbst wenn man grade keine Lust hat, kann man sich mit Massagen, Kuscheln oder sei es nur mit gemeinsamem Tanzen, körperlich nah sein. 
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Yoni. Punani. Leckermäulchen.

Montag. 15. März 2021. 4:17 Uhr. Ich liege seit drei Stunden wach im Bett und kann nicht einschlafen. Folgendes ist das Ergebnis meines Nicht-Einschlafen-Könnens. Ein Aufhänger von allerlei:  

Ich besuchte vor genau zwei Wochen einen digitalen Yoni Handarbeitsabend bei einer Gesundheitspraktikerin für Sexualität, der sich speziell an Cis-Frauen und Paare richtet. Zweieinhalb Stunden später hatte ich lustvolle Berührungen im Rahmen der weiblichen Intim-Massage, sowie Tipps zur sexuellen Kommunikation, kennengelernt. Ehrlich, ich kann euch so einen Kurs wärmstens empfehlen! Mit eurem*r Partner*in oder auch als Single. Die Teilnehmenden des Handarbeitskurses haben sich aus verschiedenen o.ä. Paaren unterschiedlichen Alters zusammengesetzt. Geschätzt waren die Ältesten im Rentenalter bis hin zur Jüngsten – mir. 

Ich habe nun ein zweiseitiges Skript vor mir liegen, die Anatomie und erogene Körperstellen von Menschen mit Vulva, einzelne Griffe und Techniken für Intim-Massagen, sowie eine Liste mit vielfachen Bezeichnungen für Vulva und Vagina. Aufgrund der Corona Pandemie, in der einige Formate nun digital stattfinden müssen – wie auch der Handarbeitsabend – versuchen alle Vortragenden, alle Teilnehmenden aktiv mit einzubinden. Dies geschah auch an dem Abend mit der bekannten Eisbrecherfrage. „Welches Wort benutzen wir für das weibliche Geschlecht?“ fragte uns die Gesundheitspraktikerin. Nichts. Kein Ton. Keine Reaktion. Nur ernste Blicke in die Kamera. Niemand, aber auch wirklich niemand traute sich etwas zu sagen. Vielleicht lag es auch daran, dass wir einander nicht kannten, aber eigentlich sollten wir uns doch nicht dafür schämen unserem Intimorgan einen Namen zu geben?

Lag es vielleicht auch daran zu denken es gibt ein richtig oder falsch? Zu denken, dies als Pampelmuse, Südpol oder gar als Wundertüte zu bezeichnen sei komisch, nicht normal, vielleicht sogar abartig? 

Im Aufklärungsbuch „Make Love“ von Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewksi schreiben die Autorinnen, dass die wenigsten Menschen mit Vulva ein Wort für Ihr Genital haben, welches sie gerne benutzen. Ein Fundus von über 69 möglichen Begriffen für die Vulva findet sich auf Seite 11 im genannten Buch. Auch die Gesundheitspraktikerin stellte uns mögliche Wörter für eine Benennung dessen vor. Ihr Vorschlag war Yoni. Yoni kommt aus dem Tantrischen und schließt Vagina und Vulva mit ein. Das Wort steht außerdem für den Ursprung allen Lebens und Höhle der Glückseligkeit. Klingt doch nicht schlecht, oder? 

Wichtig zu wissen, das Wort Vagina oder auch Scheide bezeichnet nur den inneren Teil der weiblichen Genitalien und das Wort Vulva benutzt man für alles, was außen zu sehen ist. Dementsprechend gehören zur Vulva die inneren und äußeren Labien, die Harnröhrenöffnung und die Klitoris. [1]  Jede Vulva sieht anders aus. Sammlungen im Internet zeigen die unterschiedlichsten Facetten und bieten Möglichkeiten sich mit Ihrem Aussehen zu beschäftigen. Jakob – von “Beste Freundinnen”, einem Podcastformat von Auf die Ohren – erzählte in einer seiner letzten Folgen, benannt in Punanilook, über seine sexuelle Erfahrung zu diesem Thema. Er berichtet darüber wie er sich gemeinsam mit einer Freundin, mit der er Sex hatte, Punanis im Internet angeschaut hat. Ich bin daraufhin auch mal ins Internet und habe mir Bilder von unterschiedlichen Vulven angeschaut und war erstaunt über die optische Vielfältigkeit – schaut gerne mal auf die Instagram Seite von the.vulva.gallery.  

Es ist egal für welches Wort ihr euch am Ende des Tages entscheidet. Meine persönliche Empfehlung an euch ist, sich mit ein paar möglichen Wörtern anzufreunden, um überhaupt das „da unten“ bezeichnen zu können ohne direkt in Scham zu versinken. Ich habe mich erst einmal mit Yoni angefreundet, finde aber Punani und Leckermäulchen auch rebellisch. 

Wie bezeichnet ihr das eure Vulva/Vagina? Vielleicht toppen wir die 69.  Montag. 15. März 2021. 5:12 Uhr. Ich lese Pfirsich als möglichen Ausdruck und kriege Hunger. Von wegen müde.  

[1] vgl. Henning, A.-M./Bremer-Olszewski T. (2017): Make Love. Ein Aufklärungsbuch. 2. Auflage. Wilhelm Goldmann Verlag. München. S. 10 und S. 117.  

– der Blogbeitrag ist von unserem Vereinsmitglied Julia Meixner 

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Mein Sex muss nicht dein Sex sein, um Sex zu sein!

Sex ist, wenn der Penis in die Vagina eindringt. Durch Sex entstehen Kinder, wenn man nicht verhütet.” So oder so ähnlich habe ich das garantiert in der Schule gelernt. Aber ich lasse mir nicht mehr einreden, dass Sex, bei dem keine Penetration stattfindet, nur Vorspiel ist. Nicht jede Art von Sex kann zu einer Schwangerschaft führen, nicht jede Art von Sex beinhaltet Rein-Raus. Aber jede Art von Sex kann sehr viel Spaß machen. Und ich sage hier bewusst nicht “einvernehmlicher Sex” sondern “Sex”, denn Sex ohne Konsens ist in meinen Augen nicht Sex, es ist Gewalt. 

Mich hat es in meiner Jugend auf verschiedene Arten belastet, dass alle unter Sex nur Penetration verstehen. Nicht nur, dass ich zu den 75% der Menschen mit Vulva gehöre, die nicht durch reine Penetration zum Orgasmus kommen (auch wenn Sex ja auch nicht einfach nur das Erfüllen dieses Ziels sein muss), sondern für mich bedeutet Penetration oft vor allem eines: Schmerz. Ich habe zwar keine Vaginismus-Diagnose (wenn du wissen willst, was Vaginismus ist, schau dir doch mal unseren AHA Post vom 19.04. dazu an) , aber trotzdem ist Schmerz ein stetiger Begleiter in meinem Sexleben. Umso mehr hat es mich gestresst, wenn mir Menschen in meinem Umfeld erzählten, dass sie mit einer Person intim wurden, aber ja keinen Sex gehabt hätten: “Es ist alles sonst passiert, aber das Ding war nicht drin”. Solche Aussagen spiegeln einerseits den gesellschaftlichen Druck wider, dass Frauen nicht “zu viele” Sexpartner*innen haben sollen. Außerdem haben sie mir jahrelang zu verstehen gegeben, dass alles, woran ich und viele andere Menschen viel mehr Spaß haben, gar kein “richtiger” Sex ist – oder zumindest nur die Beilage. 
Und dann ist da noch ein weiterer Punkt.

Letztes Jahr habe ich mit einer Frau geschlafen, die vorher wenig bis keine sexuelle Erfahrung gesammelt hatte. Nach unserer ersten gemeinsamen Nacht fragte sie mich : “Bin ich jetzt noch Jungfrau ?” Ich will hier gar nicht davon anfangen, was der Jungfräulichkeitsmythos für ein überholter Obermüll ist, sondern nur darauf eingehen, was ich, ein bisschen zu zögerlich, geantwortet habe. “Naja, nein, das war doch Sex.” Und das war es natürlich. Obwohl da gar kein Penis mit im Spiel war, weil halt keiner da war. Sex ohne Penis oder ohne jegliche Penetration ist kein “Vorspiel”, es ist Sex. Es ist nicht die Vorband, sondern ein verdammt guter Headliner. Und natürlich kann es auch beim Sex zwischen Menschen mit Vulva Penetration geben, wenn man das will, für sowas hat man noch nie einen Penis gebraucht. 
 Ich will aber, dass es auch Sex ist, wenn keine Penetration stattfindet, obwohl ein Penis da ist.  

Ich will, dass egal, wie ich meine Sexualität auslebe, mir nicht abgesprochen wird, dass ich Sex habe. 

Denn mein Sex muss nicht dein Sex sein, um Sex zu sein. 

– dieser Blogartikel wurde von unserer Autorin Leni verfasst.

Der Inhalt dieses Blogs ist die Meinung des*r Autor*in und nicht die des Vereins. Indem wir die Möglichkeit schaffen Blogbeiträge zu veröffentlichen, bietet der Verein eine Plattform für Meinungsbildung und -austausch. Bei Interesse einen Blog zu verfassen oder Fragen, Anregungen, etc. meldet euch gern unter pr@wirhabenlust.de.

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Bin ich nicht feucht genug oder ist es Vaginismus?

„Du bist doch bestimmt nur zu trocken.“ „Hast du‘s schonmal mit Gleitgel probiert?“ „Also mein erstes Mal war auch unangenehm.“ „Tut das wirklich so weh? Kann ich mir nicht vorstellen.“ „Was ist, wenn du einfach mal versuchst locker zu lassen?“ 

Das alles waren lieb gemeinte Vorschläge, die mir gegeben wurden, damit ich mich besser fühlen sollte. Leider bewirkten sie bei mir genau das Gegenteil. Und zwar vermittelten sie mir das Gefühl, dass die sexuelle Schmerzerkrankung Vaginismus, an der ich leide, nicht ernst genommen wird. Denn: JA, ich habe schonmal Gleitgel verwendet. JA, ich versuche jedes Mal mit aller innerlicher Kraft locker zu lassen und JA, es tut SO weh. 

Natürlich ist mir bewusst, dass mir meine Freund*innen mit diesen Ratschlägen nur helfen wollten, weil sie zu dem Zeitpunkt noch nie von dieser Krankheit gehört hatten und nicht nachvollziehen konnten, dass Sex so weh tun kann. Umso wichtiger ist es, darüber aufzuklären.  

Ich leide unter dem sogenannten primären Vaginismus. Das heißt, es gab kein ausschlaggebendes Ereignis in meinem Leben, das diesen ausgelöst hat, sondern er entstand bei mir unter anderem durch eine große Angst nicht zu genügen, die mich täglich in vielen verschiedenen Lebensbereichen schon seit Jahren begleitet. Zudem hatte ich, als ich mit 13 Jahren meine Periode bekam, eine sehr negativ behaftete Beziehung zu meinem Intimbereich, welchen ich mit allergrößter Scham und Angst verband. Da ich meinen Intimbereich damals ausschließlich mit emotionalem Stress verknüpfte, setzte sich dies so in meinem Kopf fest, dass es meinen heutigen Bezug zu meinem Sexualleben immer noch beeinflusst, auch wenn ich jetzt sehr positiv meinem Intimbereich gegenüber eingestellt bin. 

Dann kam mein erstes Mal penetrativer Sex. Ich wollte es unbedingt und versuchte es mit aller Kraft. Aber es ging einfach nicht. Ich dachte es läge daran, dass mein Hymen zu dick wäre und einfach nicht reißt. Dass dies sowieso ein absoluter Irrtum war, da das Hymen keine verschlossene Haut ist, sondern eher eine Art Kranz hinter dem Vaginaleingang, war mir damals nicht klar (alles rund um das Hymen kannst du in unserem AHA-Post vom 22.02.2021 nachlesen). 

Als es dann nach etlichen schmerzhaften Versuchen endlich funktionierte, dass zumindest jemand in mich eindringen konnte, war ich so glücklich, dass ich nicht weiter darüber nachdachte. Erst eine ganze Weile später hörte ich zum ersten Mal den Begriff „Vaginismus“. Damals dachte ich aber, dass es sich nur um Vaginismus handeln könne, wenn man absolut nichts in die Vagina einführen kann. Nicht mal, als mir dieser Irrtum dann bewusst wurde, setzte ich meine Probleme beim penetrativen Sex mit dieser Erkrankung in Verbindung. Vaginismus war für mich ganz weit weg, obwohl ich jedes Mal, wenn eine Person in mich eindrang, das Gefühl hatte, von innen aufgespießt zu werden (ja hört sich dramatisch an, hat sich aber leider so angefühlt).  

Interessant wurde es, als ich eine Zeit lang mit jemandem intim war, bei dem ich keinen Druck verspürte zu genügen. Die Person lag mir nicht sonderlich am Herzen bzw. hatten wir keinen emotionalen Bezug zueinander. Und plötzlich klappte es mit der Penetration ohne große Probleme. Meistens sogar schmerzfrei. 

“Was war da falsch? Warum hatte ich bei der einen Person höllische Schmerzen und bei der anderen wiederum gar keine?” dachte ich mir. Hätten diese sich anatomisch unterschieden, hätte ich ja eine logische Erklärung gehabt, nur war es nicht so. Da war der Punkt erreicht, an dem mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass dies keine körperliche Ursache haben kann.  

Meine Diagnose „Vaginismus“ bekam ich dann etwa ein halbes Jahr später. Ich erzählte meiner Gynäkologin von meinen Problemen und sie fand heraus, dass ich an dieser Krankheit leide. Wäre ich früher dort gewesen, hätte ich mir vielleicht 1,5 Jahre Rätseln sparen können, aber zumindest wusste ich endlich was mit mir los war und fing an, mich mit Behandlungsmöglichkeiten zu beschäftigen. Ich las ein Buch über die Erkrankung, kaufte mir Vaginaldehner, auch bekannt unter dem Begriff „Dilatoren“ und fing an, meine Beckenbodenmuskulatur zu trainieren. Schritt für Schritt wurde es besser.  

Ich lebe bis heute mit dieser Erkrankung und habe leider noch keinen Weg gefunden, meinen Vaginismus endgültig zu besiegen. An manchen Tagen habe ich gar keine Schmerzen, an anderen nur anfangs und manchmal wiederum halte ich es nicht aus. Ich habe für mich gemerkt, dass dies ganz viel mit meiner psychischen Verfassung zusammenhängt. Je selbstbewusster ich mich fühle, umso besser funktioniert der penetrative Sex und umso mehr kann ich mich dabei entspannen. Bei mir ist es eine Sache des Selbstwertgefühls und des Gefühls, nicht zu genügen. Es ist wahnsinnig schwierig. 

Also an alle lieben Menschen da draußen, denen schonmal ein*e Freund*in mit weiblichem Geschlechtsorgan anvertraut hat, dass er*sie Schmerzen beim Sex hat oder es überhaupt nicht funktioniert: Ja, Gleitgel kann helfen. Aber manchmal liegt das Problem etwas tiefer, als „nur“ bei einer zu trockenen Vagina.  

– dieser Blogartikel wurde von Leonie verfasst.

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Scham: Check your privileges!

Wer über Scham redet, muss auch über Privilegien reden. Ich schäme mich dauernd, bestimmt täglich, für irgendetwas – und trotzdem ist es wichtig, mir vor Augen zu halten, wie verdammt privilegiert ich in diesen Situationen bin. Tust du das auch? 


Ich bin eine weiße cis Frau (cis = ich identifiziere mich mit dem Geschlecht, das mir bei meiner Geburt zugewiesen wurde). Ich erfahre Diskriminierung, weil ich eine Frau bin, aber ich bin auch unglaublich privilegiert, weil weiß bin, weil ich cis bin, weil ich dünn bin. Wenn ich beschließe, am See meinen Bauch in die Sonne zu halten, dann mag mich das vielleicht Überwindung kosten, denn natürlich darf auch ich meine Unsicherheiten haben. Trotzdem entspreche ich mit meiner Hautfarbe und meiner Figur dem westeuropäischen Schönheitsideal und deshalb ist es eben nur eine Unsicherheit und keine Angst. Wenn ich meine Beine nicht rasiere, dann darf ich mir zwar garantiert doofe Sprüche anhören, aber ich erfülle immer noch dieses Schönheitsideal und schlimmer als eine oder zwei Bemerkungen wird es vermutlich nicht werden. 

Eine Person, die von dieser gesellschaftlichen Norm abweicht, weil sie beispielsweise dick ist oder of Colour oder trans*, muss mit Diskriminierung, body shaming oder sogar verbaler oder physischer Gewalt rechnen, in Alltags-  und erst recht in Badekleidung am See. So einer Person zu sagen „Schäm dich einfach weniger!“ wäre dreist – nicht, weil diese Personen sich schämen sollten, sondern weil ihnen garantiert öfter als mir das Gefühl gegeben wurde, dass sie sich schämen müssten. Anders als eine trans* Frau lebe ich nicht mit dem Druck, anderen mein Geschlecht “beweisen” zu müssen. Wenn ich behaarte Beine habe, wird das vielleicht als “unweiblich” bezeichnet, aber niemand wird mir tatsächlich meine Weiblichkeit absprechen wollen. 

Wir leben in einer Welt, in der es leichter ist, wenn man sich anpasst und die Erwartungen anderer erfüllt, das steht außer Frage. Deshalb können wir nicht von marginalisierten Gruppen erwarten, dass sie sich noch mehr in Gefahr bringen als sie sind. Wir dürfen von keiner Person verlangen, sich Normen zu widersetzen und sich z.B. nicht zu rasieren – wenn wir alle wissen, dass es leichter ist, wenn wir einfach tun, was man von uns erwartet. Jeder Mensch kann Feminist*in sein, auch mit rasierten Beinen. Wir dürfen keine Person dafür verurteilen, sich das Leben leichter zu machen und vielleicht sogar Gefahr zu vermeiden. 

Also – check your privileges: Uns allen fällt es schwer, uns selbst zu lieben, aber manchen wird es schwerer gemacht als anderen. 

– Dieser Blog wurde von Leni im Anschluss an ihren Blogbeitrag „Charmant und unverschämt“ vom 15.4. verfasst.

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Charmant und unverschämt

Du hebst im Fitnessstudio halb so viel Gewicht wie dein*e Trainingspartner*in. Du wirst von deinem*r Gynäkolog*in informiert, dass du eine Pilzinfektion hast. Die Person, mit der du schlafen willst, hat mehr Erfahrung als du. Du stehst in einer öffentlichen Dusche und bist nicht rasiert. Du hältst ein Referat und alle im Raum können deine Nervosität anhand der Schweißflecken an einem Shirt ablesen. Du hast einen roten Fleck hinten an der Jeans, weil deine Menstruationstasse überläuft. Du sitzt am See und versuchst unauffällig, deine Dehnungsstreifen mit einem Handtuch zu verdecken. Jemand macht einen Witz und alle merken, dass du ihn nicht verstehst. Du redest mit deinen Kumpels über Sex und sie behaupten, dass die Dinge, auf die du mit deiner Partnerin stehst, “voll schwul” sind. Du stellst fest, dass die Menschen in Pornos eine kleinere Vulva oder einen größeren Penis haben. 
 
Was haben diese Situationen gemeinsam? Mit ziemlicher Sicherheit würdest du Scham verspüren, wenn du sie durchlebst. Ich könnte noch so viele Geschichten erzählen, in denen zumindest ich es nicht schaffe oder schaffen würde, selbstbewusst auf meine innere Stimme zu hören, die mir sagt, dass das, was gerade passiert kein Grund ist, rot zu werden und sich in Unsicherheiten zu verlieren. 

Aber was ist eigentlich diese nervige Scham? Im Internet wird sie definiert als ein “quälendes Gefühl der Verlegenheit, das durch Reue, Bloßgestelltsein, durch die Erkenntnis des eigenen Versagens oder durch etwas Unanständiges, Unehrenhaftes, Lächerliches ausgelöst wird”. Sie bleibt nicht immer beim Rotwerden, sondern kann auch zu anhaltender tiefer Demütigung und Gewichtsverlust führen. Es gibt sogar chronische Scham, hier rufen meist psychische Traumata ein krankhaftes, andauerndes Schamgefühl hervor.  

Abgesehen davon, dass Scham also einfach kein schönes Gefühl ist und drastische Ausmaße annehmen kann, kann Scham auch gefährlich werden, wenn sie uns davon abhält, wichtigen ärztlichen Untersuchungen nachzugehen. Denn eine Studie gibt an, dass mindestens einer von vier Menschen mit Vulva zwischen 25 und 64 regelmäßige Tests, zum Beispiel Abstriche zur Krebsvorsorge, vernachlässigen. 35 Prozent der Befragten taten das aus Schamgefühl wegen ihrer Figur, 38 Prozent sorgen sich um ihren Geruch in der Intimzone. Bei jüngeren Befragten gab ein Drittel an, dass sie einem Abstrich bei dem*der Gynäkolog*in nur zustimmen würden, wenn zuvor der Intimbereich enthaart worden sei.  
Gerade der Intimbereich scheint also ein Ort zu sein, wo Scham gar nicht wegzudenken ist. Kein Wunder, wenn wir in der Schule lernen, dass das da zwischen den Beinen zum Beispiel “Schamlippen” und “Schamhaare” heißt. Erst vor einigen Monaten habe ich mir darüber Gedanken gemacht und diese Wörter aus meinem Wortschatz verbannt – ich verwende jetzt nur noch „Vulvalippen“ und “Intimbehaarung”.  
Eine meiner liebsten Poetry-Slammer*innen, Agnes Maier, macht in ihrem Text „Let´s talk about how we talk about sex, baby“ einen weiteren Vorschlag:  
„Könnten meine Vulvalippen sprechen, sie würden dir erzählen, sie hätten keinen Bock mehr, sich die ganze Zeit zu schämen, denn ich schäme mich nicht. Und das ist nicht meine Scham, nein, das ist meine Vulva, und überhaupt hat sie Charme. Wir sind charmant, meine Vulvalippen und ich – wenn du willst, kannst du sie Charmelippen nennen!“ 

Natürlich haben auch Menschen ohne Vulva ihre Unsicherheiten und empfinden oft Scham in Bezug auf ihre Genitalien. Da ist zum Beispiel die klassische Sorge, nicht « groß genug » zu sein – egal ob Penis oder Körpergröße. Außerdem haben Männer oft Angst, vom Freund*innenkreis aufgrund bestimmter Verhaltensweisen oder Vorlieben die Männlichkeit abgesprochen zu bekommen. Oder in Bezug auf die Figur: viele Männer schämen sich dafür, nicht so trainiert zu sein wie der Cast von Magic Mike, sie haben Bedenken, “zu dick” oder “zu dünn” zu sein. Während weiblich sozialisierte Menschen eher Angst haben, zu viel Sex zu haben, ist die Anzahl der Sexpartner*innen bei männlich sozialisierten Menschen schon fast ein Statussymbol – in meinem Umkreis schämen sich die Männer viel mehr für den Mangel an sexuellen Erfahrungen als die Frauen. 

Für Neujahrsvorsätze ist es ja irgendwie zu spät, aber wie wäre es mit einem Sommer-Vorsatz? Können wir diesen Sommer am See mal alle sorglos unsere Körperbehaarung, unsere Bäuche und unsere Dehnungsstreifen in die Sonne strecken? Und gleich dazu könnten wir in den anderen genannten Situationen versuchen, die Furcht vor der Reaktion der Umstehenden mal runterzuschlucken. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass es ein Privileg ist, das tun zu können, denn für Menschen, die von alltäglicher Diskriminierung betroffen sind, ist es schwieriger und vielleicht sogar gefährlicher, sich von gesellschaftlichen Normen zu distanzieren. 

dieser Blogbeitrag wurde von unserem Vorstandsmitglied Leni verfasst.

“Der Inhalt dieses Blogs ist die Meinung des*r Autor*in und nicht die des Vereins. Indem wir die Möglichkeit schaffen Blogbeiträge zu veröffentlichen, bietet der Verein eine Plattform für Meinungsbildung und -austausch. Bei Interesse einen Blog zu verfassen oder Fragen, Anregungen, etc. meldet euch gern unter pr@wirhabenlust.de.” 

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Verlosung von Mister Size Kondomen

Wir wollen DANKE sagen an DICH – eine*r von 1.500 Menschen, die uns auf Instagram folgen. Als Dankschön verlosen wir 10-mal die 36er Kondompackung von MisterSize – in deiner ganz individuellen Größe. 

Wie ihr auch in den Lostopf kommen könnt, findet ihr auf dem Verlosungs-Instagram-Post herausfinden.

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Diagnose Endometriose: Umgang und Sensibilisierung

Bei der Erkrankung Endometriose treten Zysten und Entzündungen (Endometrioseherde) auf, die sich z.B. an Eierstöcken, Darm oder Bauchfell ansiedeln. In selteneren Fällen kann es auch außerhalb des Bauchraums z.B. in der Lunge zu Endometrioseherden kommen. Ihr Gewebe ähnelt dem der Gebärmutterschleimhaut und die Herde können mit dem hormonellen Zyklus wachsen und bluten. Endometrioseherde können – obwohl sie als gutartig kategorisiert werden – metastasieren und bleibende Schäden an Organen verursachen. 

Endometriose – „Chamäleon der Gynäkologie“.

Als ich meine Diagnose vor sieben Jahren bekam, war ich zunächst erleichtert. Jedoch hat das mein Leben auf den Kopf gestellt und beschäftigt mich leider mindestens einmal im Monat. Damit bin ich nicht alleine. Und die meisten Betroffenen sind sich vermutlich nicht einmal darüber im Klaren, dass sie eine chronische Erkrankung haben, die im Ernstfall zu Schädigungen an anderen Organen oder sogar zu Unfruchtbarkeit führen kann. Ich habe mich seit Einsetzen meiner Periode gefragt, warum ich solche Schmerzen aushalten muss und wurde bis Mitte zwanzig von sämtlichen Ärzt*innen darauf vertröstet, dass diese „Regelschmerzen“ normal sein. Dass ich teils bis in die Beine Schmerzen hatte oder habe, ich ohnmächtig geworden bin, Verdauungsschwierigkeiten bekommen habe und jedes Mal 4-7 Tage Schmerzmittel nehmen musste damit ich meinen Alltag bestreiten kann, hat leider keine*n der Ärzt*innen auf die Idee gebracht eine eingehende Anamnese zu machen. Erst als ich selber durch einen Hinweis auf das Erkrankungsbild gestoßen bin, hat es bei mir Klick gemacht. Ich wies also meinen Arzt darauf hin und er spielte es runter. Nach einigem Überreden stimmte er dann der Bauchspiegelung zu und tatsächlich ergab der pathologische Befund die Diagnose: Endometriose. Ich bin überfordert gewesen, habe mich im Anschluss auf die hormonelle Therapie eingelassen. Das habe ich drei Jahre mit sechs verschiedenen Pillen versucht. Da ich aber chronische Depressionen habe und ich sensibel auf die Tabletten reagiert habe, entschied ich mich vor nun vier Jahren sie abzusetzen. Das klappte auch ganz gut für zwei Jahre, jedoch ist die Erkrankung chronisch und holt mich aktuell wieder ein. 

Das bedeutet Einbußen im alltäglichen Leben. Jeden Monat 4-7 Tage zu kaum etwas körperlich in der Lage zu sein, anfällig für Infekte, Rückenprobleme durch Verwachsungen. Immer so viele Schmerzmittel zu nehmen… Ich wusste, dass ich mich eingehend mit meiner Erkrankung auseinandersetzen muss, damit ich mich nicht so beeinträchtigt fühle. Deswegen habe ich die feministische Selbsthilfegruppe „gowithendo“ gegründet, die dazu dienen soll sich konstruktiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen und sich nicht von ihr beherrschen zu lassen. Durch den gemeinsamen Austausch besteht in erster Linie erstmal ein Verständnis füreinander, da die Erkrankung in der Gesellschaft immer noch zu wenig bekannt ist. Des Weiteren geben wir uns gegenseitig Tipps zu Behandlungsmöglichkeiten, Ernährung, Ärzt*innen, Kliniken. Denn Freund*innen können meist nur versuchen zu verstehen wieso man körperlich und vielleicht auch psychisch angeschlagen ist. Dennoch ist es wichtig das Umfeld aufzuklären, um eine Sensibilität dafür zu schaffen und sich selbst auch den Raum dafür zu nehmen. 

Dinge die mir wirklich bis jetzt geholfen haben: 
  • Die Signale des Körpers ernst nehmen 
  • Basische Ernährung 
  • Sport 
  • Ein gutes Umfeld mit Verständnis 
  • Unsere Selbsthilfegruppe 
  • Gut ausgebildete Ärzt*innen in Fachkliniken 
  • Osteopathie 
  • Psychotherapie 

Ich will damit nicht sagen, dass eine hormonelle Therapie nicht helfen kann. Denn leider ist sie das einzige was vollends die Bildung neuer Herde aufhalten kann.

Meine Tipps an dich als Betroffene und falls du vermutest Endometriose zu haben oder jemand in deinem Umfeld erkrankt ist: 
  • Fachkliniken aufsuchen oder Frauenärzt*innen, die sich wirklich damit auskennen 
  • Such dir eine Selbsthilfegruppe (auch wenn noch keine feste Diagnose steht, kann das helfen
  • Hör auf deinen Körper und nimm dir Ruhepausen und Raum für die Erkrankung 
  • Wende dich bei Fragen an die Endometriose Vereinigung.

– Xenia von gowithendo

Der Inhalt dieses Blogs ist die Meinung des*r Autor*in und nicht die des Vereins. Indem wir die Möglichkeit schaffen Blogbeiträge zu veröffentlichen, bietet der Verein eine Plattform für Meinungsbildung und -austausch. Bei Interesse einen Blog zu verfassen oder Fragen, Anregungen, etc. meldet euch gern unter pr@wirhabenlust.de.

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Das Große Ganze – Worum geht es bei sexueller Aufklärung wirklich?

Ganz nach dem Motto „Lasst uns über das Große Ganze reden!“ widmet sich das Gründungsmitglied des Vereins WirHabenLust e.V. Emma Eder in ihrem Aufsatz der Frage, worum es wirklich bei sexueller Aufklärung geht, und widerlegt mit politisch-gesellschaftlichen Argumenten, die kursierende Annahme, sexuelle Aufklärungsarbeit habe etwas Anrüchiges an sich.

Hier geht es zum Aufsatz:

Die Lösungen für so manches (politisch relevante) Übel dieser Welt liegen in der sexuellen Aufklärungsarbeit.

Emma, 22 Jahre, studiert Politik und Recht in Münster
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