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Fünf widerlegte Mythen über das Hymen

Über das Hymen, das ihr vielleicht auch unter dem unpassenden Begriff “Jungfernhäutchen” kennt, kursieren so einige Unwahrheiten.

Wir wollen Fakten schaffen und räumen mit der Märchenstunde auf. Also: Vergesst alles, was ihr glaubt über das sogenannte “Jungfernhäutchen” zu kennen und macht euch auf ein paar AHA-Momente gefasst.

Fünf Mythen übers Hymen, die wir widerlegen: 

1. Das Hymen ist eine kranzförmige Ansammlung von Schleimhautfalten ca. 1-2 cm hinter dem Vaginaleingang. Der Mythos, das Hymen sei eine Haut, die die Vagina wie eine Frischhaltefolie umschließt und beim ersten penetrativen Sex durchstoßen wird, ist falsch! 

2. Die meisten Menschen mit Hymen bluten überhaupt nicht beim ersten Mal penetrativen Sex. Das Hymen ist nämlich sehr dehnbar. Manche können sogar Kinder gebären, ohne dass das Hymen verletzt wird. Aber ja, es stimmt: Manchmal kann es beim Sex – egal ob beim ersten oder hundertsten Mal – zu Verletzungen des Hymen kommen, aber beispielsweise aus dem Grund, dass der Vaginaleingang nicht feucht genug ist. In so einem Fall hilft zum Beispiel Gleitgel.

3. Wichtig zu wissen: Kein*e Ärzt*in kann erkennen, ob ihr schonmal penetrierten Sex hattet – auch nicht anhand eures Hymen. Das Hymen kann übrigens auch bei anderen Aktivitäten verletzt werden, wie z.B. Fahrradfahren oder Sport.

4. Nicht alle Menschen mit Vulva haben ein Hymen und, wenn sie eins haben, dann sieht das – wie so Vieles am menschlichen Körpern – bei jedem*r vollkommen unterschiedlich aus. Manche Menschen haben ein ringförmiges Hymen um den Vaginaleingang, andere zum Beispiel eher ein fransiges Hymen mit einem zackigen Saum. Bei wenigen Menschen sind Teile der Schleimhaut verwachsen oder die gesamte Vaginalöffnung ist verschlossen. Dann könnte eine OP nötig sein, weil sich Menstruationsblut und Sekret in der Vagina stauen kann, in diesen – wirklich seltenen (!!) – Fällen sollte man sich mit seiner Ärzt*in beraten lassen.

5. Last but not least: Nicht nur Personen, die noch nie penetrativen Sex hatten, besitzen das “Jungfernhäutchen”. Denn auch nach dem ersten (penetrativen) Sex besitzen Menschen ihr Hymen und im Übrigen auch nicht nur Frauen, sondern alle Menschen mit Vagina. Deshalb passt der Name “Jungfernhäutchen” nicht (mal ganz davon abgesehen, dass die Tatsache, ob eine Person schon Sex hatte oder nicht, sowieso kein Grund ist, sie wie auch immer zu bewerten). Wieso es dann immer noch so genannt wird, ist eine lange Geschichte, die viel mit einer männerdominierten Weltsicht zu tun hat, bei der weiblich sozialisierte Menschen, die noch keinen Sex hatten, mehr Wert zugesprochen wird als denen, die Sex haben. Das ist natürlich Quatsch, denn ob und wie häufig ein Mensch Sex hat, bestimmt nicht dessen Wert! Daher ist es auch so schön, dass viele Menschen anfangen, umzudenken: In Schweden zum Beispiel wurde das Wort “Jungfernhäutchen” 2009 abgeschafft, jetzt heißt es einfach “Vaginale Korona”, was aus dem Lateinischen kommt und so viel bedeutet wie die Vaginale(r) Krone/ Kranz und sich auf die anatomische Form des Hymens bezieht. Nicht schlecht, oder?

Manche Infos waren euch neu? Uns auch. Umso wichtiger ist es, über das Hymen aufzuklären, denn diese ganzen Falschinformationen können fatale Folgen für Menschen mit Hymen haben, indem sie sich unter Druck gesetzt fühlen, unter Beweis stellen müssen, dass sie noch nie Sex hatten oder unterdrückt und diskriminiert werden. Deshalb erzählt euren Freund*innen, Mitschüler*innen, Mitbewohnis, Eltern, Geschwistern und Lehrer*innen und allen anderen: Das “Jungfernhäutchen“ gibt es (so wie viele es kennen) nicht!

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Schwangerschaftskonfliktberatung

Ist eine Person mit Uterus schwanger und möchte diese Schwangerschaft abbrechen, ist sie nach § 219 StGB dazu verpflichtet, vor dem Abbruch eine Schwangerschaftskonfliktberatung in Anspruch zu nehmen. Die Gesetzgebung beabsichtigt mit § 218 bis § 219 b den “Schutz des ungeborenen Lebens” (§219 StGB Abs.1 S.1). 

Aber was kommt da auf dich zu? 

Zuerst vereinbarst du in einer Beratungsstelle deiner Wahl einen kostenfreien Beratungstermin¹. Die Beratung sollte möglichst zeitnah stattfinden, denn du hast einen Rechtsanspruch auf umgehende Beratung. Achte dabei darauf, dass es eine nach § 219 anerkannte Beratungsstelle ist: Katholische Träger (Caritas und SkF) stellen dir keinen Beratungsschein aus und nicht anerkannte Stellen sind nicht der Ergebnisoffenheit verpflichtet und könnten dich unter Umständen in deiner Entscheidung beeinflussen. 

Die beratenden Personen unterliegen der Schweigepflicht, beraten dich ergebnisoffen und stellen dich als Person in den Mittelpunkt. Das Gespräch dient also dazu, dass du über alles rund ums Thema “ungewollt schwanger” informiert wirst. Die beratende Person wird dich vermutlich dazu befragen, ob die Schwangerschaft geplant war (Verhütung), ob du dich in einer stabilen (romantischen bzw. sexuellen) Beziehung befindest, und wie deine finanzielle Situation und dein soziales Netzwerk aussehen. Da es keine klaren Richtlinien für die Beratung gibt, kannst du mit der beratenden Person deine Ängste und Zweifel teilen, du darfst aber auch schweigen; das entscheidet nicht darüber, ob du den Beratungsschein bekommst. Der Fokus der Beratung liegt darauf, dich zu informieren. Und zwar über alle Optionen und Möglichkeiten, ob für oder gegen eine Schwangerschaft. Dazu gehören unter anderem Unterstützungsmöglichkeiten für die Schwangerschaft und die Elternschaft, aber auch die Aufklärung über die Voraussetzungen für einen straffreien Abbruch („Abtreibung“), die Methoden und den Ablauf dessen.

Zum Ende des Gesprächs erhältst du den Beratungsschein und eine Liste von Ärzt*innen², die einen Eingriff durchführen (du kannst diese aber auch bei deiner Krankenkasse erfragen). Beachte bei der Terminvereinbarung bei dem*r Ärzt*in, dass zwischen dem Beratungstermin und dem Eingriff drei volle Tage (also vier Nächte) liegen müssen. Dies soll Zeit zur gründlichen Überlegung geben.

Was es alles rund um den Schwangerschaftsabbruch zu wissen gibt, erfährst du in unserem AHA vom 01.02.2021 auf Instagram. 

Weitere Informationen rund um die Beratung und einen Schwangerschaftsabbruch erhältst du auf der Seite der BZgA und bei Beratungsstellen wie Pro Familia.


Wenn du mehr über die Schwangerschaftskonflikt-Beratung erfahren magst: editionf hat hier ein super spannendes Interview mit zwei Beraterinnen geführt.

¹ Welche Beratungsstellen in meiner Nähe? https://www.familienplanung.de/no_cache/beratung/beratungsstelle-finden/  
² Wer führt den Abbruch in meiner Nähe durch? Liste von Ärzt:innen (unvollständig, da freiwillig) https://www.familienplanung.de/beratung/schwangerschaftsabbruch/praxen-kliniken-und-einrichtungen/

– diesen Blogbeitrag hat Antonia verfasst.

Der Inhalt dieses Blogs ist die Meinung des*r Autor*in und nicht die des Vereins. Indem wir die Möglichkeit schaffen Blogbeiträge zu veröffentlichen, bietet der Verein eine Plattform für Meinungsbildung und -austausch. Bei Interesse einen Blog zu verfassen oder Fragen, Anregungen, etc. meldet euch gern unter pr@wirhabenlust.de.

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Body Positivity – und was es mit deiner Gesundheit zu tun hat

Der Fokus von „Schönheit“ liegt auf inneren Eigenschaften

Seinen Körper lieben, ihn schätzen und schön finden – Der Begriff body positivity ist schon seit einiger Zeit, vor allem in sozialen Netzwerken, zu finden. Merkmale, für die Menschen sonst komisch angeguckt oder sogar angegriffen werden, sollen Wertschätzung erfahren.  Die Bewegung feiert, dass Menschen unterschiedlich aussehen und stellt sich somit bewusst gegen Schönheitsideale, mit denen wir – bekannterweise – täglich bombardiert werden. Für viele ist es das Körpergewicht; bei body positivity geht es aber genauso um Größe, Narben, Cellulite, Muskulosität, Hautfarbe und vieles mehr.  Außerdem findet das Konzept auf Menschen jeden Geschlechts Anwendung!

Bei body positivity geht es also um mehr als Gewicht – und trotzdem steht dieses Körpermerkmal oft im Zentrum von Diskussionen und Gegenwind. Dem #bodypositivity folgt oftmals die Behauptung, dass Adipositas verharmlost und für einen ungesunden Lebensstil geworben werde. Darüber müssen wir sprechen:

Wie steht es denn tatsächlich um den Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Gesundheit? Viele Ärtz*innen sind sich sicher, dass zumindest starke Adipositas zu Problemen, wie etwa Bluthochdruck, führen kann. Das ist auch grundsätzlich nicht immer falsch, jedoch machen zunehmend mehr Stimmen darauf aufmerksam, dass der Zusammenhang nicht so direkt ist, wie er scheint: Gesundheit hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab und kann nicht durch bloßes Hingucken attestiert werden.

Wer den eigenen Körper annimmt und ihn schätzt hat ein viel höheres Interesse daran, dass es ihm gut geht. „Fat shaming“ führt nicht dazu, dass Leute abnehmen oder bewusster leben. Es führt zu Selbsthass und dem Gefühl, nicht genug wert zu sein. Reflektiert man die Signale des Körpers, ist es viel wahrscheinlicher, das zu tun, was dem Körper gut tut: Also zum Beispiel auf eine ausgewogene Ernährung und Bewegung zu achten. Die sind nämlich viel wichtiger als der Fokus auf Gewichtsabnahme. Nicht zu selten führt die Unzufriedenheit über das Gewicht zu ungesunden Diäten, psychischer Belastung bis hin zur Entwicklung von Essstörungen – und das ist es auch wogegen body positivity ankämpfen möchte. Es kommt aber auch nicht auf dasselbe hinaus: Wer sich um den eigenen Körper kümmert, verliert nicht automatisch Gewicht. Dafür sind unsere genetischen Voraussetzungen und persönliche Bedürfnisse viel zu unterschiedlich. Die Idee ist es, auf den eigenen Körper zu achten, weil du ihn liebst und nicht damit die Anzeige auf deiner Waage dich irgendwann dazu berechtigt. Aber auch wenn body positivity Menschen dazu ermutigt auf ihren Körper zu achten, hat es keinen Einfluss auf die Berechtigung auf Respekt, wenn jemand sich damit schwer tut.

Bei der der Gesundheitsdebatte ist vor allem extrem wichtig, dass unabhängig davon, wie jemand den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Gewicht bewertet, die „Gesundheitskeule“ nie ein Grund ist, jemandem den Respekt zu versagen. Denjenigen  Menschen, die in ihrem Leben als mit sich im Reinen auftreten, ihre Daseinsberechtigung in Werbung, sozialen Netzwerken und in ihrem Alltag verbieten zu wollen, ist diskriminierend.

Der Wert und die Würde einer Person sollen also auf keinen Fall im Zusammenhang mit ihrem Aussehen stehen – egal ob es um Gewicht oder andere Körpermerkmale geht

Mathilda

Der Wert und die Würde einer Person sollen also auf keinen Fall im Zusammenhang mit ihrem Aussehen stehen – egal ob es um Gewicht oder andere Körpermerkmale geht. Aus einer anderen Richtung kommen jedoch Stimmen, die anmerken, dass auch bei body positivity Schönheit auf Körpermerkmale zurückgeführt wird. Die Idee von sog. body neutrality will die Bedeutung von Aussehen insgesamt reduzieren. Anstatt seinen Körper aktiv zu lieben – was vielen schwer fallen sollte – ist der Körper hier einfach mal nur Körper. Der Fokus von „Schönheit“ liegt auf inneren Eigenschaften. Jede*r sollte selber für sich herausfinden, welche Beziehung zum eigenen Körper am besten funktioniert. Oft laufen body positivity und body neutrality aber auch Hand in Hand; denn beide wollen dazu ermutigen, äußerliche Merkmale eigener und fremder Körper von Wert und Würde zu entkoppeln.  

– Dieser Blogbeitrag wurde von Mathilda verfasst.

“Der Inhalt dieses Blogs ist die Meinung des*r Autor*in und nicht die des Vereins. Indem wir die Möglichkeit schaffen Blogbeiträge zu veröffentlichen, bietet der Verein eine Plattform für Meinungsbildung und -austausch. Bei Interesse einen Blog zu verfassen oder Fragen, Anregungen, etc. meldet euch gern unter pr@wirhabenlust.de.”

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Geschlechtergerechte Sprache – was? warum? wie?

„Gendern“ — vielerorts begegnet einem inzwischen dieses Thema und die Debatte um darum. Aber: WAS ist das eigentlich genau, Gendern?  

Man meint damit die Verwendung gendergerechter Sprache. Eine Sprache, die nicht von grammatikalisch männlichen Formen geprägt und dominiert ist, sondern eine, die Frauen, Transpersonen und alle, die sich keiner dieser Gruppierungen zuordnen, sicht- bzw. hörbar macht. Das Ideal wäre eine Sprache, von der sich alle Menschen repräsentiert fühlen, mit der sie sich respektiert, gesehen und wohl fühlen.

Über sehr lange Zeit hinweg war es völlig normal das sogenannte generische Maskulinum zu verwenden. Das bedeutet, dass die männliche Form eines Substantivs stellvertretend für alle benutzt wurde. Vor allem bei Berufsbezeichnungen und ähnlichem ist das ja auch kein Wunder. Schließlich gab es kaum weibliche „Studenten“, „Ärzte“, „Lehrer“, „Professoren“ oder „Politiker“. Die durchweg männlich besetzten Stellen der Gesellschaft brauchten die weibliche Form also überhaupt nicht. (Auf der anderen Seite gibt es einen kleinen Bereich, in dem wir gerne ausschließlich weibliche Formen verwenden: Hebamme, Krankenschwester, Stewardess oder Putzfrau. Schon mal aufgefallen? Und bei diesen handelt es sich oft um sogenannten „care“- Berufe, also jene Berufe, die Frauen traditionell zugeschrieben und zugetraut werden.) Sprache ist also immer auch Abbild gesellschaftlicher Zustände, sie ist politisch und potentiell  revolutionär. Dazu aber später mehr. 

Zusammengefasst: Gendern ist der Versuch, in gesprochener wie geschriebener Sprache statt des generischen Maskulinums neue Formen zu finden und Sprache so unserer Zeit und Lebensrealität anzupassen und ggf.auch den Weg zu bereiten zu mehr Gerechtigkeit und Toleranz. 

WARUM? Warum aber ist das so wichtig? Reicht es nicht, sich „mitgemeint“ zu fühlen? Ist nicht klar, dass mit Studenten weibliche, wie männliche oder andere gemeint sein können? In dieser Frage kann es helfen, das Szenario umzukehren: Was wäre, wenn man nur noch weibliche Formen verwendete? Würden sich Männer* so einfach „mitgemeint“ fühlen, wenn die Rede von Studentinnen wäre? Natürlich haben wir uns an das generische Maskulinum lange gewöhnt, wir mussten. Aber haben Frauen* und queere Menschen nicht mehr verdient? Hat nicht jede*r mehr verdient als nur  “mitgemeint” zu sein? Das sogenannte generische Femininum wird von einigen feministischen Strömungen sehr befürwortet als „Wiedergutmachung“ und um darauf aufmerksam zu machen, wie gewöhnt wir an die männlichen Formen sind. Auch argumentieren sie, dass die männliche Form des Wortes in der weiblichen für gewöhnlich enthalten ist, andersherum nicht (Lehrerin enthält auch Lehrer). 

Fakt ist jedenfalls, dass die meisten männlichen Personen sich eben nicht „mitgemeint“ fühlen würden. Gegen das generische Femininum spricht außerdem, dass Transpersonen und solche, die sich nicht eindeutig zuordnen möchten, nicht berücksichtigt werden. Aus feministischer Perspektive ist es sicher besser, wenn jemand das generische Femininum oder beide Formen verwendet (Ärztinnen und Ärzte). Aber wirklich gendergerecht und queer-freundlich ist es nicht. 

Zurück zur Ausgangsfrage: Warum ist es überhaupt wichtig unsere Alltagssprache kritisch zu hinterfragen? Dazu sollte man sich zunächst bewusst werden, welch immense Rolle Sprache für unser Leben, unsere Wahrnehmung von der Welt und vor allem unser Denken hat. Denn ein Großteil unseres bewussten Denkens ist sprachlicher Natur. Wir können also oft nur das Denken und Verstehen, was wir auch in Sprache denken und ausdrücken können. „Wir verständigen uns“, das heißt auch , wir gehen davon aus das Gleiche oder ein ähnliches Verständnis von den Wörtern zu haben, die unsere Sprache umfasst. Bei gegenständlichen Begriffen ist das unproblematisch, aber bei abstrakten Wörtern und ihren Nuancen wird es kniffliger. Und wenn wir andere Sprachen lernen müssen wir feststellen, dass es oft keine guten Übersetzungen gibt, die wirklich allen feinen Bedeutungen des Wortes enthalten. So vieles spielt in unsere Sprache. Und sie bestimmt unser Miteinander, ist geprägt von Kultur und einer langen Entwicklungsgeschichte. Sprache ist flexibel und wandelt sich, sie passt sich auch an gesellschaftliche Bedürfnisse und Zustände an. Aber wenn ich für etwas kein Wort habe, werde ich es überhaupt bemerken können? 

Gendern hat also sehr viel mit Respekt, Bewusstwerdung und Benennung zu tun. Die Sprache muss Räume schaffen für alle. Die Sprache sollte nicht eine der Vergangenheit sein. Aber WIE gendert man richtig? Da gibt es inzwischen viele Verschiedene Ansätze. Einige Möglichkeiten und ihre Vor- und Nachteile seien hier ausgeführt: 

  1. Die Paarform, das heißt sowohl weibliche als auch männliche Form nennen, z.B. Schülerinnen und Schüler. PRO: Zwar werden hier Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen, aber CON: Alle, die sich nicht als solche definieren, also non-binäre, Trans- oder intersexuelle Personen, nicht. Diese Methode ist also nicht inklusiv. Dazu sei gesagt, dass es in Deutschland seit 2018 rechtlich möglich ist als Geschlecht „divers“ anzugeben. 
  2. Das Gendersternchen hat sich inzwischen ziemlich etabliert, wie wir auch in der Umfrage sehen. PRO: Ursprünglich kommt es aus der Programmiersprache, in der das Sternchen ein Platzhalter für alles mögliche sein kann. Es ist also sehr queer-freundlich und inklusiv. Außerdem ist es ein schönes, positives Symbol, mit dem sich viele wohlfühlen. Zumindest fällt es leicht, das Sternchen mit Diversität zu assoziieren. Bsp. Schüler*innen CON: Der große Nachteil des Sternchens ist, dass er von Vorleseprogrammen, die beispielsweise blinde Menschen verwenden, nicht erkannt wird. Das Programm liest also Schüler- Stern -Innen. Das Sternchen ist also leider bislang nicht barrierefrei. 
  3. Den Doppelpunkt sieht man in letzter Zeit immer häufiger aus genau dem genannten Grund. PRO: Er ist barrierefrei und wird von besagten Programmen als kleine Pause vorgelesen. Darin, dass seine ursprüngliche Funktion auch ist, vor einer Aufzählung zu stehen, kann man seine Inklusivität sehen. CON: Möglicherweise ist er aber als Zeichen zu stark verwendet in anderen Zusammenhängen, während das Sternchen keine bedeutenden weiteren Aufgaben in der Schriftsprache erfüllt. Manche finden sogar, er liest sich für alle, die kein Vorleseprogramm verwenden, sogar zu flüssig. Denn ist nicht das „kurz-drüber-Stolpern“ Teil des Sich-Bewusstwerdens und die Irritation notwendig, um Veränderungen zu schaffen?

An mancher Stelle kann es elegant sein, einfach eine „neutrale“ Form des Wortes zu nutzen oder die „nd“ Form, also Teilnehmende, Studierende, … Das ist grammatikalisch zwar nicht dasselbe, in vielen Fällen aber auch eine gute Option. Neutrale Alternativen für Wörter findet ihr auch im folgenden Lexikon: https://geschicktgendern.de/ 

Viel wichtiger aber als die endgültige Entscheidung für eine Methode ist die Reflexion der eigenen Sprache und ihrer Tragweite, das kleine Stolpern beim Lesen oder die Überlegung, wie man etwas besser sagen kann. Am Anfang kann es sehr ungewohnt sein zu gendern, aber schnell merkt man, dass man immer häufiger daran denkt… und vielleicht irritiert einen dann sogar das generische Maskulinum?

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Die Menstruationstasse

2.800 Tage. So lange menstruieren Frauen* und Menschen mit Uterus etwa in ihrem Leben. Von der ersten Periode bis zu den Wechseljahren sind es im Durchschnitt 456 Menstruationszyklen, die man durchläuft.

Und das ganze Blut, was dabei rumkommt, muss ja auch irgendwie aufgefangen werden.  Ein Großteil der Menstruierenden rund um den Globus benutzen dabei Tampons oder Binden. Diese „Standard-Produkte“ verursachen aber auch eine ganz schöne Belastung: Für die Umwelt und für deinen Geldbeutel.

Weil man die Tampons zum Beispiel alle 3 – 6 Std wechseln soll, kommen dabei im Laufe des Lebens mehr als 9.000 Tampons bzw. Binden zusammen. Diese enden ja nicht irgendwo, sondern zusammen mit anderen Abfällen im Müll und bestehen nicht nur aus abbaubaren Materialien sondern im großen Teil aus Plastik.

Plus: Für diese ganzen Tampons und Binden gibt man als menstruierende Person rund 700 Euro aus, einfach nur, weil der Uterus mal wieder mad ist, dass man doch nicht schwanger geworden ist.

Aber keine Sorge: Es gibt zum Glück Alternativen (juhu!). Besonders in den letzten Jahren haben sich immer mehr Anbieter gefunden, die auswaschbare Periodenunterwäsche sowie Binden verkaufen oder halt: Menstruationstassen.

Diese kosten beim Drogeriemarkt zwischen 7 und 20 Euro, was sich erstmal nach ein bisschen Investition anfühlt, aber es lohnt sich. Denn solche Cups halten bei richtiger Pflege 5 bis zu 10 Jahre!

Menstruationstassen sind aus medizinischem Silikon gefertigt und werden zusammengefaltet in die Vagina eingeführt. Dann „ploppen“ sie auf und schließen so exakt mit der Innenwand der Vagina ab, um Auslaufen zu vermeiden. Ich finde, man kommt gar nicht aus dem Schwärmen, deshalb hier ein paar Highlights, was die Tasse so alles kann:

  1. Sie ist günstig und hält lange.
  2. Es wird viel weniger Müll produziert und die Tasse enthält durch das medizinische Silikon kaum Schadstoffe. Normale Tampons zum Beispiel haben oft ungesunde chemische Inhaltsstoffe, die man eigentlich nicht so gerne in seiner Vagina haben möchte.
  3. Man muss sie nicht so oft wechseln, denn bis zu 12 Stunden kann man eine Menstruationstasse drin lassen… Die Tasse fasst viel mehr als ein Tampon: bis zu 20 ml (whaaaat?!)
  4. Wenn man seine Tage hat, hat man die Cup ja eh dabei. Also gibt es keine Engpässe, bei denen man sonst hektisch nach einem Tampon suchen muss.
  5. Die Tasse trocknet die Vagina nicht so sehr aus wie ein Tampon, besonders am Ende der Periode. Das unangenehme Gefühl, einen trockenen Tampon raus zerren zu müssen, ist gone and forgotten.

Eine kleine Anleitung und hilfreiche Tipps:

Die Tasse faltet man zusammen und führt sie dann in die Vagina ein. Sie muss nicht so weit oben sitzen, wie ein Tampon, sondern eher niedriger in der Vagina. Zum Einführen gibt es eine Menge Tutorials und Falttechniken, die zum Glück nicht ganz so kompliziert sind wie Origami, keine Sorge. Am Besten ist es, wenn man die Tasse einmal etwas nass macht, dann ist das Einführen leichter. Außerdem hilft es, sich zu entspannen, da sonst die Vagina verkrampft und das Einführen schwierig wird.

Wenn die Tasse aufploppt, kann man manchmal ein Geräusch hören, auf jeden Fall ist es wichtig, dass ein Unterdruck entsteht, weil es sonst passieren kann, dass deine Periode ausläuft. Zur Sicherheit kannst du auch mit deinem Finger einmal um den Rand fühlen oder die Tasse am Stiel ein wenig drehen, damit der Unterdruck entsteht und die Tasse auf jeden Fall geöffnet ist.Wenn es das erste Mal noch nicht so klappt, macht euch keinen Kopf. Wie bei allem braucht man auch beim Benutzen einer Menstruationstasse vor allem Übung.

Um die Tasse nach ca. 10-12 Stunden herauszunehmen, zieht man an dem Stiel und kann dann sie dann in die Toilette entleeren und reinigen. 

Apropos reinigen: Vor dem ersten Verwenden sollte man die Menstruationstassen im kochenden Wasser für ein paar Minuten sterilisieren und dann lufttrocknen lassen. Wasche deine Hände gründlich, bevor du die Tasse benutzt und auch bevor du sie wieder herausnimmst. Um sie zu reinigen (während deiner Periode) reicht es, die Tasse mit Wasser auszuspülen. Wichtig: denke auch an die kleinen Luftlöcher am oberen Rand der Tasse! 

Am Ende deiner Periode solltest du die Menstruationstasse ausspülen und dann ca. 6 Minuten in kochendem Wasser sterilisieren. Danach kann man sie prima in einem Baumwollbeutel oder so aufbewahren.

Eine wichtige Sache noch: wenn du eine Spirale hast, ist das Benutzen einer Menstruationstasse nicht ganz ungefährlich. Es kann schon auch funktionieren, wenn man besonders vorsichtig ist, aber das Risiko, dass man sich die Spirale durch den Unterdruck aus versehen rauszieht, ist hoch und dann kann dann ganz schön schief gehen. Sprecht gerne mit eurer*m Gynäkolog*in und steigt sonst auf Alternativen wie Periodenunterwäsche oder Bio-Tampons um, bis ihr eure Spirale wieder entfernen lassen wollt.

Ich finde dadurch, dass du beim Einsetzen deine Vagina erkundest und dein Blut siehst, baut man Berührungs”ängste” und auch ein wenig die Tabuisierung von (deiner eigenen) Menstruation ab. Du lernst deine Periode und deinen Körper ganz anders kennen. Wusstest du zum Beispiel, dass man während der Periode durchschnittlich 3-4 Teelöffel Blut verliert? Eigentlich erstaunlich, wie wenig das ist. Persönlich finde ich die Menstruationstasse auch einfach hygienischer vom Gefühl her und bin erstaunt, wie komisch ich mich jetzt fühle, wenn ich notgedrungen doch noch einmal einen Tampon benutzen muss.

Ich finde es wichtig, sich mit Alternativen zu Tampons und Binden auseinanderzusetzen und denke es ist auch endlich Zeit, die Berührungsängste vor der Periode im Allgemeinen aber besonders vor dem Menstruationsblut aus dem Weg zu schaffen. Für einen freien Umgang mit der Periode ist besonders die Konversation wichtig, aber auch, dass wir wegkommen vom heimlichen Tampon-aufs-Klo-nehmen oder dem „unangenehmen“ Rascheln von Verpackungen auf der Toilette. Die Menstruation ist normal und gehört in den Alltag, Period!

– Dieser Blog wurde von Ella verfasst.


“Der Inhalt dieses Blogs ist die Meinung des*r Autor*in und nicht die des Vereins. Indem wir die Möglichkeit schaffen Blogbeiträge zu veröffentlichen, bietet der Verein eine Plattform für Meinungsbildung und -austausch. Bei Interesse einen Blog zu verfassen oder Fragen, Anregungen, etc. meldet euch gern unter pr@wirhabenlust.de.”

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Sex und gender – was es über Geschlecht zu sagen gibt

Sex und gender – zwei Begriffe die sich beide mit Geschlecht übersetzen lassen. Und das meinen sie auch – allerdings auf unterschiedlichen Ebenen. In einem Instagram-Post haben wir über den Unterschied der zwei Begriffe aufgeklärt und erhielten daraufhin viele Kommentare, Diskussions- sowie Denkanregungen und Meinungen von euch. Darüber haben wir uns sehr gefreut, denn auch wir leben vom Austausch, vom Hinweis auf Blicke und Perspektiven, die wir vorher nicht hatten, und von immer wieder aufs Neue stattfindender Meinungsbildung und -hinterfragung. 

Im Blogeintrag hat Laura das Thema nun etwas genauer beleuchtet und sich mit Gender/ Queer Forschung, v.a. nach Butler und Degele, auseinandergesetzt. Sie stellt euch die Ergebnisse, als ein Blickwinkel unter vielen, vor.
(Im Text tauchen immer wieder Begriffe wie “Frau” oder “männlich” auf. Sie stehen bewusst in Anführungszeichen, denn gemeint sind damit keine festgeschriebenen Identitäten, sondern mit den Begriffen einhergehende erlernte Assoziationen, Erwartungen etc., die wir alle mehr oder weniger mitbekommen haben.)

Let‘s go!

Wenn von sex die Rede ist, ist damit das biologische bzw. anatomische Geschlecht gemeint. Es wird, aufgrund seiner vermeintlichen Natürlichkeit, oft in Gegensatz zu gender gestellt. Dieses bezieht sich auf das soziale bzw. soziokulturelle Geschlecht, sowie die damit einhergehende Geschlechterrolle und -identität. Das gender bezieht sich beispielsweise auf Erwartungen, Bilder, Vorstellungen, Ideale die wir von einem Geschlecht haben: “frauen”typisches Verhalten zeichnet sich durch x aus, “männer”typisches Benehmen durch y, “frauen”typisches Aussehen wird an Diesem und “männer”typisches Äußeres an Jenem festgemacht. Wenn eine Person gender-untypisches Verhalten, Aussehen, Sprechen etc. zeigt, fällt sie leider meistens sofort auf. Was man hierbei aber nicht vergessen sollte: gender ist keine Medaille, die zwei Seiten hat und man muss sich nicht entweder auf der einen, der anderen oder keiner Seite befinden, sondern gender kann als ein Kontinuum gesehen werden, mit den Polen „weiblich“ und „männlich“. Wo sich jede einzelne Person auf diesem Kontinuum wiederfindet kann sie selbst entscheiden. Und das auch nicht nur einmal, sondern immer wieder aufs Neue, denn manchmal verändert man sich und damit auch die eigene Identität. Nur, weil man zu einem vergangenen Zeitpunkt näher am „männlichen“ Pol war, muss man dort zu einem späteren Zeitpunkt nicht unbedingt immer noch sein. Fatal wäre es zu denken, dass man jeden Tag aufsteht und sich ein gender aussucht, auf das man gerade Lust hat. Es geht viel mehr darum, was man fühlt, wie man sich fühlt, als wer man sich fühlt und was man ausdrückt; es geht also um gender identity (also die gender-Identität – als was man sich identifiziert) und um gender expression (also den gender-Ausdruck – als was man sich gibt). Bei der gender identity sind die beiden Pole „Mann“ und „Frau“, bei der gender expression „männlich“ und „weiblich“. Dazwischen findet sich eine ungemeine Vielzahl von Identitäten und Ausdrucksweisen. Ist das nicht wunderbar? Niemand ist gezwungen sich nur an einem Pol des Spektrums aufzuhalten, natürlich ist es aber auch jeder Person selbst überlassen genau das zu tun. Auch müssen gender identity und gender expression nicht in irgendeiner Art und Weise übereinstimmen: Ich kann mich als „Frau“ identifizieren (identity) aber gleichzeitig „androgyn“, also weder eindeutig „weiblich“ noch „männlich“, kleiden, verhalten und geben (expression). Was als „weiblich/ Frau“ bzw. „männlich/Mann“ gilt, ist unterbewusst in den Köpfen der Menschen und in der Gesellschaft verankert – es ist sozial konstruiert und unterliegt keinen natürlichen Prozessen oder Tatsachen. 

Und wie ist das mit sex ? Unterliegt das nicht natürlichen Gegebenheiten? Die Antwort darauf ist: jain. Oftmals wird davon ausgegangen, dass sich aus unserem biologischen, naturgegebenen, Geschlecht, unserem sex, automatisch bestimmte eindeutige, geschlechtsspezifische Merkmale ableiten lassen. Aber auch hier ist es angebrachter von einem Kontinuum zu sprechen, denn auch aus anatomischer/ physiologischer/ biologischer Sicht, lassen sich „Frau“ und „Mann“ nicht immer klar voneinander abgrenzen. Schauen wir zum Beispiel auf die Chromosomen: Männer tragen ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen hingegen zwei X-Chromosomen. Das ist in den allermeisten Fällen auch eindeutig bestimmbar. Beim sogenannten gonadalen Geschlecht gibt es auch meistens eine eindeutige Zuordnung, aber nicht immer. Das gonadale Geschlecht wird durch das Vorhandensein von Hoden bei Männern und von Eierstöcken bei Frauen ausgedrückt. Sehr viel uneindeutiger wird es beim hormonalen Geschlecht: Frauen produzieren zwar in der Regel mehr Östrogene (z.B. Östradiol) als Männer, aber sie produzieren auch Androgene (z.B. Testosteron). Das ist die Hormongruppe, die bei Männern einen höheren Anteil hat. Die individuellen Werte der beiden Hormone können aber von Person zu Person schwanken und es ist durchaus möglich, dass es Frauen gibt, die mehr Androgene produzieren als manche Männer. Am wenigsten aussagekräftig ist zuletzt das morphologische Geschlecht, welches durch Vagina, Klitoris, Brüste und weitere sekundäre Geschlechtsmerkmale (z.B. Behaarung oder Körperbau) bei Frauen und durch den Penis und weitere sekundäre Geschlechtsmerkmale bei Männern ausgedrückt wird. Es fängt schon bei der Unterscheidung von Penis und Klitoris an: diese ist bei manchen Menschen nicht möglich und, um Eindeutigkeit zu schaffen, werden diese Personen dann meistens direkt nach der Geburt operiert. Aber auch andere Geschlechtsmerkmale wie Größe der Brüste, Körperbehaarung, Höhe/ Tiefe der Stimme, Muskelverteilung oder Körperbau variieren sehr stark. Es ist sogar davon auszugehen, dass die Variation innerhalb eines sex  (z.B. innerhalb der Gruppe der Männer) größer ist, als die zwischen den zwei sexes  Frauen und Männer. Zusammengefasst bedeutet das, dass es auch aus biologischer Sicht nicht nur die Frau auf der einen und den Mann auf der anderen Seite gibt, sondern – genau wie bei gender – man hier ein Kontinuum betrachtet, das „Frau“ und „Mann“ als Pole hat. Und auch hier ist es so, dass das sex einer Person nicht an ein bestimmtes gender gebunden ist. Nur weil jemand als „Mann“ geboren wird und einen Penis hat, muss er sich nicht als „Mann“ identifizieren oder „männlich“ verhalten.

Das klingt jetzt beinahe so, als müsse man sich lauter Skalen anschauen und sich überlegen, wo man sich selbst dort am besten platziert. Aber so ist es auf gar keinen Fall! Die ganze Theorie hinter sex  und gender, die zugegebenermaßen sehr verwirrend sein kann (und verwirrend heißt nicht unnötig!), ist dafür da um den Menschen bewusst zu machen, dass sie nicht in einer der beiden, binären Geschlechterrollen gefangen sind. Zum Beispiel nur, weil jemand als Mensch mit Vulva und Vagina geboren wird, muss sich diese Person nicht “weiblich” fühlen oder als “Frau” verhalten, sondern sie hat, wie alle Menschen, die Freiheit, sich als das zu identifizieren, als das sie sich fühlt, sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten möchte und wie sie sich wohlfühlt, ganz unabhängig von dem, was aus ihrem sex vermeintlich ableiten ließe.

Dieser kleine Ausflug in die theoretischen Grundlagen zu sex  und gender hilft euch hoffentlich dabei, die zwei Begriffe und das, was dahintersteckt, besser zu verstehen. Es gäbe noch deutlich mehr zu diesem Thema zu sagen, zum Beispiel auch Sichtweisen bestimmter Kulturen oder Religionen, aber dazu vielleicht ein ander Mal mehr. Hier soll es zunächst nur um ein Grundverständnis gehen. 

Was uns dazu noch am Herzen liegt: Wir und die Autor*innen der Blogbeiträge erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Perfektion. Alle geben sich Mühe, alles gut zu recherchieren und möglichst viele Blickwinkel einzubeziehen. Dennoch kann es sein, dass jemand mal etwas vergisst oder übersieht. Wenn das so ist, dann lasst es uns wissen, teilt eure Meinungen, Erfahrungen und euer Wissen mit uns und lasst uns gemeinsam wachsen, unsere Ansichten überdenken und unser Wissen vergrößern. 

Also: lasst euch von irgendwelchen Kategorien oder Skalen nicht verwirren, sondern nutzt sie eher als Hintergrundwissen. Und ganz wichtig: seid, wer und wie ihr sein möchtet und lasst uns Vielfalt leben 💜🌈!

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AHA – Körperflüssigkeiten

Der Gedanke an Körperflüssigkeiten aller Art löst in den meisten wahrscheinlich eine Vielzahl gemischter Gefühle aus. Sei es Neugier, Ekel oder Lust – jedenfalls ist es wohl eines der Themen, über die selten gesprochen wird. Dabei spielen sie für unseren Körper und natürlich für unsere Sexualität eine große Rolle.

Wir zitieren ein Gespräch unter Freundinnen, bei denen die eine mitteilte: „Mich am See umzuziehen und vor meinen Freund*innen nackt sein, kein Problem, aber ich passe immer auf, dass niemand den Ausfluss in meiner Unterhose sehen kann.“ 

Aber wieso schämen wir uns für unseren Körper und all die ziemlich abgefahrenen Dinge, die er so drauf hat?

  1. Täglicher Vaginalausfluss ist ganz normal und tritt bei den meisten Frauen* ab Beginn der Pubertät auf. Eigentlich also kein Grund sich deswegen unwohl oder gar unhygienisch zu fühlen. Denn das Gegenteil ist der Fall: Der Vaginalausfluss dient der Befeuchtung der Schleimhäute in der Vagina und schützt sie und die Gebärmutter vor Bakterien, Infekten etc. Er spült sie gewissermaßen aus und sorgt so für eine gesunde Vaginalflora. Menge, Farbe, Geruch und Konsistenz können aufgrund zahlreicher Faktoren, wie Alter, Zyklus, Ernährung, hormonelle Verhütung, Schwangerschaft variieren. In der Regel ist der Ausfluss aber weißlich klebrig, bis zäh, oder auch dünner, durchsichtig, schleimig. Wenn sich die Menge oder Farbe des Ausfluss deutlich verändert, sollte man eine*n Arzt/Ärztin aufsuchen. Zusätzlich zum Vaginalausfluss gibt es noch den Zervixschleim, der den Muttermund, also den Eingang in die Gebärmutter, vor Bakterien etc. schützt und sich ebenfalls im Verlauf des Zyklus verändert. 
  1. Etwas anderes als der tägliche Vaginalausfluss ist das sogenannte Vaginalsekret, dass bei sexueller Erregung aus Drüsen austritt, die am Vagina Eingang zwischen den inneren Vulvalippen liegen. Oft sprechen wir von diesem Vorgang als „feucht werden“. Biologisch gesehen wird die Vagina auf Penetration vorbereitet. Natürlich gilt aber: Die Feuchtigkeit allein gibt keine Auskunft über unsere Lust und unseren Wunsch nach Sex. Also, nur weil eine Person nicht so feucht ist, heißt es nicht, dass sie keinen Sex haben möchte. Genau so ist es aber auch KEIN Zeichen von Konsens, feucht zu werden (!!!!). Leider wird es oft im Kontext von Missbrauch zur Legitimation verwendet. Mehr oder weniger feucht zu sein, ist ganz normal und individuell unterschiedlich. Daher greift einfach zum Gleitgel, wenn es mal nicht feucht genug ist. Außerdem interessant zu wissen: Vaginalsekret enthält Pheromone, die besonders um einen Eisprung herum anziehend auf mögliche Geschlechtspartner*innen wirken können, eigentlich ziemlich cool, oder? 
  1. Dem Vaginalsekret entspricht das Präejakulat, oft auch „Lusttropfen“ genannt. Eine kleine Menge Flüssigkeit, die losgelöst von der eigentlichen Ejakulation auftritt. Auch der Penis hat also eine eingebaute „Lubrikationsfunktion“. Wichtig: Schon das  Präejakulat kann Spermien enthalten und zu einer Befruchtung führen. Eigentlich Aufgabengebiet des Sperma. 
  2. Sperma ist die Samenflüssigkeit, die bei einem Orgasmus mit Ejakulation (ja, es gibt auch Orgasmen ohne…) aus der Harnröhre austritt. Produziert wird es in der Prostata, den Samenbläschen, Hoden und Nebenhoden. Sperma ist in der Regel weißlich-klebrig und im Durchschnitt umfasst eine Ejakulation etwa 2-6 ml Sperma. Männer* produzieren ständig neue Spermien, etwa 1200 in der Sekunde! Hut ab… aber diese bilden nur einen ganz kleinen Teil der Flüssigkeit, die sie transportiert, schützt und beweglich macht. Dass sich Geschmack und Geruch durch die Ernährung beeinflussen lassen, stimmt übrigens. Das Gleiche gilt auch für fast alle anderen der hier genannten Flüssigkeiten.  
  3. Wie ihr vielleicht schon wusstet, können aber nicht nur Menschen mit Penis ejakulieren. Auch Menschen mit Vulva können eine Ejakulation haben. (Das ist nicht dasselbe wie Squirting, obwohl diese beiden Phänomene oft gleichgesetzt werden.). Bei der weiblichen Ejakulation tritt während des Orgasmus eine kleine Menge, dicker Flüssigkeit aus der „Paraurethraldrüse“, also einer Drüse nahe der Harnröhre. Vielleicht hattest du sogar schon mal eine solche Ejakulation, hast es aufgrund der kleinen Menge Flüssigkeit nicht gemerkt…
  4. Squirting auf der anderen Seite beschreibt das „Abspritzen“ einer größeren Menge, klarer Flüssigkeit, die größtenteils aus der Blase kommt und nach derzeitigem Wissen eine sehr geringe Menge Urin enthält. Hier streitet sich allerdings auch die  Wissenschaft. Beide Themen sind definitiv unzureichend erforscht. Squirting kann auch unabhängig von Orgasmen auftreten. 

Diesen AHA-Beitrag hat Katharina recherchiert und erstellt.

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Ich hab die Haare schön.

Manchmal habe ich sogar die Hoffnung, dass die Menschen nicht bei dem Entsetzen, der Verwunderung oder der Irritation aufhören, sondern weiterdenken und begreifen, dass das, was sie da sehen natürlich ist – „normal“ ist.

„Du siehst aus wie so ein Gorilla“ wirft mir mein Bruder an den Kopf, als ich – damals Jugendliche – mich im Bikini in die Sonne lege. Meine Beine habe ich extra rasiert, aber am Bauch und den Armen sind meine Haare deutlich sichtbar. 

„Oh da hat wohl jemand vergessen sich zu rasieren“ – schallendes Gelächter. Zwei Mitschülerinnen machen sich einen Spaß aus meiner Achselbehaarung, als ich in der Schule meinen Arm hebe und mich melde. 

„Mannsweib“ kommentiert ein Mitschüler auf Facebook unter ein Foto von mir, auf dem meine Behaarung auf den Armen zufälligerweise stark zu sehen ist. 

„Es ist ja schon komisch, wenn die Frau mehr Haare an den Beinen hat als der Mann. Rasier‘ dich lieber mal“ riet mir mein damaliger Freund. Im Winter. Niemand außer ihm hat meine unrasierten Beine zu diesem Zeitpunkt gesehen. 

Damals hat mich all das verletzt, gleichzeitig wäre ich am liebsten vor Scham im Boden versunken oder hätte zu weinen angefangen. Aber ich habe es überspielt, mitgelacht, den Leuten recht gegeben. Und mich dann daran gemacht die Haare so gut und gründlich wie möglich zu entfernen. Anfangs mit Nassrasierern – hier übrigens ein herzliches Shout Out an meine Mama, die mir am Anfang meiner Rasur-Karriere ans Herz gelegt hat, mich doch bitte nicht überall zu rasieren, solange ich noch jung bin – dann mal mit Heißwachs, mit Kaltwachsstreifen, mit der Pinzette, mit dem Epilierer, mit Enthaarungscreme, mit einem Trockenrasierer, mit Sugaring-Paste. Aber nichts hat mich so richtig zufrieden gestellt. 

Entweder sind die Haare gleich wieder nachgewachsen, oder es hat weh getan, oder viel Geld gekostet, oder lange gedauert. Oder eine Mischung aus Allem. Ich war genervt. Andauernd wuchsen Haare nach – und dann auch noch an Stellen, an denen „normale“ Frauen keine Behaarung haben: an den Nippeln, am Po, am Bauch, an der Oberlippe, auf den Zehen, am Handrücken. Weg, einfach nur weg sollten sie alle. Am besten für immer. Manchmal war ich richtig verzweifelt. Ich freute mich immer auf den Winter, da konnte ich alle Haare wachsen lassen und keiner konnte sie sehen.

Heute ist das ganz anders. Heute verletzen mich solche Kommentare nicht mehr oder kaum noch und ich schäme mich nicht mehr für meine Behaarung. Ich weiß auch mittlerweile, dass es „normal“ ist, als Frau überall am Körper Haare zu haben. Wobei „normal“ ein blödes Wort ist. Es gibt keine normale Behaarung: Manche Leute haben so helle und dünne Haare auf ihrem Körper, dass sie fast unsichtbar sind, andere haben eine dunkle Ganzkörper-Lockenpracht, wieder andere eine bunte Mischung aus beidem. Das, was wir als „normal“ betrachten, ist das kleine Fenster, das uns in der Werbung gezeigt wird: Männer mit lückenfreien Dreitagesbärten und leichter Brustbehaarung neben aalglatten Frauen, deren einzige sichtbaren Haare auf dem Kopf wachsen. Natürlich gibt es Menschen, die genauso aussehen. Aber noch viel mehr sehen ganz und gar nicht so aus und das ist auch gut so, denn Vielfalt ist wunderbar!

Sicherlich können sich aber auch nicht alle Menschen mit ihrer Behaarung anfreunden und das müssen sie ja auch nicht. Ich bin mir aber auch sicher, dass es Viele gar nicht erst versuchen. Ich habe das auch lange nicht gemacht und es hat unzählige Haar-Entfernungs-Sessions gebraucht, bis ich (nachdem ich fast eine Stunde damit verbracht habe mein rechtes Bein zu epilieren und mein linkes dann noch vor mir hatte) gemerkt habe: ich möchte das nicht mehr – und ich muss das auch nicht! Der daran anschließende Gedanke war sofort: Aber was sagen die anderen Leute dazu? Mittlerweile ist das ein dreiviertel Jahr und einen langen, heißen Sommer her und ich habe gelernt: Es ist ganz egal, was andere Leute darüber denken. Ich genieße sogar manchmal entsetzte, verwunderte, irritierte Blicke auf meine unrasierten Beine in kurzer Hose und kann darüber lachen. Manchmal habe ich sogar die Hoffnung, dass die Menschen nicht bei dem Entsetzen, der Verwunderung oder der Irritation aufhören, sondern weiterdenken und begreifen, dass das, was sie da sehen natürlich ist – „normal“ ist. Genauso „normal“ wie das, was die Werbung ihnen zeigt. 

Ich kann auch rückblickend nicht mehr sauer auf die Kommentare von Anderen sein, sondern ich bin sauer auf die Werbung und die Schönheitsindustrie. Diesen beiden haben wir es immerhin zu verdanken, dass wir so verquere Körperbilder – und Körperbehaarungsbilder – in unseren Köpfen haben. Und natürlich fällt es dann sofort auf, wenn jemand diesen nicht „folgt“ oder zu ihnen „passt“ und was auffällt wird kommentiert – das ist ja nichts Neues. Was neu ist, ist der Umschwung, der gerade stattfindet oder zumindest so langsam ins Rollen kommt: Beispielsweise initiierte 2018 eine Theaterstudentin den #januhairy und damit den Aufruf, sich im Januar nicht zu rasieren – um sich mit der eigenen Behaarung bewusst auseinanderzusetzen, zu überlegen wie die eigene Meinung dazu wirklich ist, um zu erkennen und reflektieren, welche sozialen Standards es hier gibt, um diese auch kritisch zu hinterfragen und um sich vielleicht sogar mit dem Körperhaar anzufreunden. Dazu kommen unzählige Beiträge auf Social Media zum Thema Nicht-Standard-Körperbehaarung sowie eine immer größere Anzahl von Menschen, die sich trauen ihre Körper so zu zeigen wie sie sind und wie sie sich am schönsten finden – egal, wie es Andere sehen. Ich kann jede:n wirklich nur ermutigen sich – sei es im #januhairy oder wann anders – mit dem eigenen Körperbild und der Körperbehaarung zu beschäftigen. Mit der eigenen und mit der, die die Werbung uns zeigt. Und dann auch mal die eigene Einstellung dazu zu überdenken, zu hinterfragen und möglicherweise wegzukommen von einer Ansicht, die geprägt ist von völlig unrealistischen Idealen aus der Werbung oder anderen (sozialen) Medien. Körperbehaarung ist nicht schlimm, sie ist vor allem nicht eklig (und schützt im Genitalbereich nachweislich vor dem Eindringen von Keimen, Bakterien und Viren – also zum Beispiel auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten!) und am allerwichtigsten: sie ist normal. Wie jede und jeder am Ende damit umgeht, darf selbst entschieden werden: Haare weg, Haare da lassen, Haare alle 47 Tage entfernen, Haare nur zu bestimmten Anlässen entfernen – macht das, wie es euch am besten gefällt. Aber trefft die Entscheidung bewusst! Vielleicht können wir den nächsten #januhairy (oder gerne auch einen davon unabhängigen x-beliebigen Zeitpunkt) alle mal dazu nutzen, um unsere Einstellung zu Körperbehaarung von medial eingetrichterten Bildern und Ideen loszulösen und eigenständig auszurichten. Ich kann es euch nur empfehlen!


– Laura

“Der Inhalt dieses Blogs ist die Meinung des*r Autor*in und nicht die des Vereins. Indem wir die Möglichkeit schaffen Blogbeiträge zu veröffentlichen, bietet der Verein eine Plattform für Meinungsbildung und -austausch. Bei Interesse einen Blog zu verfassen oder Fragen, Anregungen, etc. meldet euch gern unter pr@wirhabenlust.de.”

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Aha – die Körperbehaarung

Rasieren, epilieren, schneiden, zupfen, waxen, sugarn, lasern – die Liste der Haarentfernungs-Methoden ist lang und am Ende kosten alle meist viel Zeit, Geld, Nerven oder alles drei! Wer am Ende immer davon profitiert, ist die Schönheitsindustrie und im besten Fall auch das eigene Wohlbefinden.

Obwohl wir heute kaum noch Körperbehaarung haben, können sich Viele nicht damit anfreunden. Stellt euch mal vor wir wären noch genauso behaart wie unsere Vorfahren – ein dichtes Fell am ganzen Körper! Was heute davon übrig ist, ist wirklich nur noch das Nötigste: Haare, die uns schützen. Zum Beispiel die Augenbrauen schützen uns vor Schweiß in den Augen, Genitalhaare vor dem Eindringen von Keimen, Kopfhaare zum Sonnenschutz oder solche, die unsere körpereigenen Lockstoffe verbreiten, wie unter den Armen.

Aber mal von vorne: Haarentfernung ist nichts Neues und bereits in der Eiszeit vor 13.000 Jahren wurde zu langes Körperhaar entfernt – allerdings nicht aus ästhetischen, sondern praktischen Gründen: es war verdammt kalt und alles, was vom Körper abstand, lief Gefahr abzufrieren! Rasierer gab es damals noch nicht, deshalb wurden scharfe Steine oder Muscheln verwendet. Auch im altertümlichen Ägypten, antiken Griechenland oder alten Rom wurde Körperbehaarung fleißig entfernt, denn ein glatter Körper galt zum einen als Schönheitsideal – bei allen Geschlechtern! – zum anderen schütze er vor Läusen und anderen kleinen Tierchen, die sich gerne mal in warmen, feuchten, behaarten Körperregionen ansiedelten. Auch Bärte mussten dran glauben und selbst Pharaos schmückten ihr Gesicht meist lediglich mit einem Kunst-Bart. Zur Haarentfernung wurde oftmals Wachs oder ähnlich klebrige Substanzen, aber auch Bimsstein verwendet. Das war häufig gesundheitsschädlich, reizte die Haut – wurde aber dennoch ertragen. (Klingt nicht viel anders als manche Methoden heute, oder?)  

Als 1680 in der westlichen Welt das erste Rasiermesser auf den Markt kam, war es in der muslimischen Kultur bereits bekannt und verbreitet. Es dauerte dann eine ganze Weile, bis das Werkzeug zur Haarentfernung weiterentwickelt wurde; 1874 war es dann soweit und der erste Rasierhobel war erfunden. 1980 kam dann der heute immer noch verbreitete Systemrasierer und damit wurde das Tor zu einem riesigen Markt geöffnet. Dieser Markt lebt von dem 1915 in USA angestoßenen Ideal glatter, kahlrasierter (und dadurch „attraktiverer“) Frauen*körper, der spätestens nach dem 2. Weltkrieg auch nach Europa überschwappte und in Deutschland das während der NS-Zeit geprägte Bild der „deutschen“ Frau* mit üppiger, langer Körperbehaarung ablöste. Die Hippie-Bewegung brachte die Natürlichkeit und den „Busch“ in den 70er und 80er Jahren noch einmal zurück, konnte sich aber nicht durchsetzen und seit den 90ern sind jegliche Arten von Rasuren im Trend. Und eigentlich nicht nur im Trend, denn glatte Haut ist zu einer neuen Normalität geworden. Notwendig wäre ein kompletter Kahlschlag heutzutage aber nicht mehr: Unsere Hygienestandards sind so hoch, dass wir uns – außer am Kopf –  keine Sorgen über Läuse und Nissen machen müssen. Es ist mittlerweile eher das Problem, dass durch Rasuren, vor allem im Intimbereich, kein körpereigener Schutz vor eindringenden Bakterien oder Viren mehr besteht und deshalb nachweislich sexuell übertragbare Krankheiten bei komplett rasierten Personen größere Chancen haben als bei denen, die das ein oder andere oder auch alle Haare stehen lassen.

Neben dem hygienischen war schon immer der ästhetische Aspekt ein Grund zur Enthaarung – und dieser überwiegt heute bei den meisten. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es eine reine innere Motivation ist, sich – je nach Ausprägung der Haarprachten –  mehr oder weniger mühsam und zeitintensiv jegliche Haare zu entfernen, oder ob dieser scheinbar innere Wunsch nach einem „schöneren“ Körper nicht geprägt ist durch die Schönheitsindustrie und Werbung. Überall finden sich Bilder von aalglatten Frauen*körpern, selbst in der Werbung für Frauen*-Rasierer finden sich nur selten behaarte Körperteile, die rasiert werden – oft sind die schon vorher haarlos. Das kreiert ein völlig falsches Bild von Körperbehaarung bei Frauen*, denn nicht alle sind mit dünnen, kaum sichtbaren Härchen versehen. Genauso ist es bei Männern*: Lifestyle-Zeitschriften schreiben immer wieder darüber, dass Rückenbehaarung nicht gewünscht sei, dass Brust- oder Achselbehaarung nur bis zu einem gewissen Grad „sexy“ wäre und dass Intimbehaarung den Penis klein wirken ließe und deshalb lieber weg solle. So entstehen Idealbilder und –vorstellungen, die sich in den Köpfe der Menschen einprägen und denen nachgeeifert wird. Und die Schönheitsindustrie freut sich: Enthaarungscremes, -gels, -pasten, Heißwachs, Kaltwachs, Einwegrasierer, Trockenrasierer, Nassrasierer, Epilierer, Sugaring-Pasten, Pinzetten, Lasergeräte… All das wird den Menschen präsentiert und mit verqueren Körperbildern beworben. Was dabei nicht erwähnt wird: Hautreizungen und -irritationen, Schnitte, eingewachsene Haare, allergische Reaktionen sowie sonstige ungewollte Nebeneffekte und, nicht zuletzt, der große mit der Haarentfernung verbundene Aufwand.

Doch so langsam gibt es wieder einen stärkeren Gegenwind: 2018 initiierte eine Theaterstudentin den #januhairy – ein Aufruf sich im Januar nicht zu rasieren. Zweimal wurde die Aktion bereits wiederholt und auch 2021 wird sie wohl wieder stattfinden. Viele Menschen nutzen den Hashtag sowie den damit einhergehenden Support durch eine große Online-Community von Gleichgesinnten als Anlass, ihr Körperhaar wachsen zu lassen, sich bewusst Gedanken über dessen Entfernung zu machen, sich selbst neu zu sehen und sich vielleicht auch mit dem sonst so verpönten Haar anzufreunden. Natürlich greifen am 1. Februar viele gleich wieder zum Rasierer, ein großer Teil aber auch nicht oder nicht mehr so häufig. Das ist auch völlig okay, denn der #januhairy ist nicht dafür da, Haarentfernung zu verteufeln, sondern um einen bewussten Umgang mit dem eigenen Körper und der Behaarung anzuregen sowie gängige Bilder, Ideale oder Werbungen zu hinterfragen und das eigene Verhalten zu reflektieren.

Der nächste Januar kommt bestimmt, ihr müsst aber nicht bis dahin warten, um euch bewusst mit eurer Körperbehaarung und eurer Haltung dazu auseinanderzusetzen. Fangt doch gleich damit an! Dann seid ihr direkt vorbereitet, wenn der #januhairy vor der Tür steht! 

– dieser AHA-Beitrag wurde von Laura recherchiert und geschrieben.

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