Interview mit „Der Erogenen Zone“

Wir, Laura und Leni, haben letzte Woche drei Menschen vom queer-feministischen Sexshopkollektiv Erogene Zone in Freiburg interviewt. Mareike (M), Pe (P) und Sévérine (S) haben uns von ihren Plänen und Überzeugungen erzählt.

Ihr wollt gemeinsam einen Sexshop aufmachen: Wie kams dazu? Was motiviert euch und was ist euch besonders wichtig?

M: Ich glaube für mich ist eines der augenscheinlichsten Dinge, die unseren queer-feministischen Anspruch widerspiegeln, das Bildungsangebot, also dass es für uns im Gegensatz zu herkömmlichen Sexshops wichtig ist, nicht nur irgendwelche Produkte, sondern vor allem auch Wissen an den Menschen zu bringen. Der emanzipatorische Gedanke dahinter ist, es selbst in die Hand nehmen zu können. Das andere ist, dass wir, vor allem nicht aus einem Trend heraus, sondern weil es uns wichtig ist, viel mehr wert als herkömmliche Sexshops darauflegen, wie die Toys hergestellt werden. Im Gegensatz zu Babyspielzeug gibt es für Sextoys keine Normen, dass keine Weichmacher verwendet werden dürfen. Wir achten darauf, dass die Produkte bodysafe sind und wir gucken, im Sinne anderer Kämpfen, die im Feminismus vereint sind, dass sie nicht ewig weite Transportwege hinter sich haben, dass im Optimalfall im ganzen Produktionsprozess keine Person ausgebeutet wurde, aber auch eben die Natur nicht übermäßig ausgebeutet wurde. Das kommt natürlich alles an seine Grenzen, weil das trotzdem elektronische Artikel sind, aber wir haben den Anspruch haben uns zu informieren, zu gucken und uns auch mal gegen etwas zu entscheiden, weil wir sagen “uns ist die Werbung zu sexistisch”.

Klingt sehr gut, aber ich stelle es mir auch schwierig vor. Habt ihr dann nur 20% des Angebots von anderen Shops? Wie leicht ist es, Produkte zu finden, die sowohl von der Herstellung als auch von den Materialen euren Ansprüchen genügen?

P: Also bei Material ist alles möglich, aber bei der Herstellung ist es schwieriger. 90-99% der Sachen werden in Billiglohnländern, in schlechter Massenproduktion hergestellt. Inwiefern wir das umsetzen können, ist schwierig. Wir wollen oder müssen das ja auch, wenn wir einen Laden mieten wollen, einige von uns dadurch Lohn beziehen und nicht mehr wo anders Lohnarbeit machen müssen, mit der Realität von Kapitalismus ausbalancieren. Das ist ein sehr großer Widerspruch, bei dem wir immer wieder gucken müssen, wie weit wir da in welche Richtung gehen wollen. Das macht uns auch aus: dass wir ein Kollektiv sind und gemeinsam entscheiden, bedürfnisorientiert entscheiden wollen und ganz anders arbeiten. Wir machen gerade sehr viel umsonst und mit viel Idealismus. 

Was sind eure nächsten Schritte?

S: Wir fahren tatsächlich mehrgleisig. Wir treffen uns einmal in der Woche zum Plenum und da stehen auch jede Woche so viele Punkte drauf, dass wir es echt nicht jedes Mal schaffen, alles abzuarbeiten, weil es parallel wirklich viele Themen sind, gerade jetzt am Anfang. Es gibt ein paar Schwerpunkte: wir suchen einen stationären Laden, wir basteln an unserem Webauftritt und auch schon mit dem Hintergedanken, da einen online Webshop dranzuhängen. Damit zusammen hängt auch die Händler*innen-Suche, um damit auch eine Produktpalette anbieten zu können. Parallel machen wir viel Werbung für das Crowdfunding.  

Was ist eure ideale Traumvorstellung von eurem Sexshop?

M: Der große Traum ist: Du kommst rein, in einen hellen, freundlichen Raum, siehst direkt ein paar Toys, die direkt ansprechend zum Anfassen da sind. Du kannst hinten in der Ecke ein gemütliches Sofa oder einen Sessel sehen, der dich anzieht, und wo du von uns einen Tee oder Kaffee gereicht bekommst, während du in den Büchern stöberst, die wir da so haben. Am schwarzen Brett links von dem Sofa siehst du, dass diese Woche noch ein Workshop zu Vulva-Silhouetten angeboten wird, oder du erfährst von einem anderen tollen Angebot in Freiburg. Ob jetzt das Ladengeschäft so groß ist, dass dann da der Workshop-Raum drin ist oder du dann weitergehst in einen weiteren schönen Raum – weil es ist schon kurz vor Ladenschluss und gleich eine halbe Stunde später findet der Workshop statt – wird sich zeigen.

S: Und von den Produkten her: Es ist wichtig, dass du alle anfassen und ausprobieren kannst. Ich denke, das ist der Vorteil von einem Ladengeschäft gegenüber online: du kannst die Sachen erfühlen, anfassen, ausprobieren, bekommst ein Gefühl für die Größe. Ich finde das online so schwierig. Dann siehst du da ein Foto von einem Toys, dann bestellst du es, es kommt an und du hast es dir ganz anders vorgestellt. Oder auch die Funktionen: Wie viel Stufen hat es? Im Laden wäre das alles ertastbar und du hast zu allem eine Beratung. Du kannst zu allem Fragen stellen und musst dir die Infos nicht irgendwo aus dem Netz ziehen. Hell, freundlich, einladend, dass man gerne unseren Laden betritt, sich nicht schämen muss und dass sich jegliche Altersgruppen bei uns wiederfinden. Also auch U18.  

Heißt eure Zielgruppe ist wirklich: alle Menschen?

P: Ja. Das mit dem U18 finde ich auch sehr spannend. Da haben wir schon ganz am Anfang überlegt, was wir erfüllen müssen, damit das gewährleistet sein kann. Dafür gibt es gesetzliche Regelungen. Du darfst keine Pornografie verkaufen oder ersichtlich haben. Ansonsten ist es ein spannendes Thema darüber nachzudenken: Wie ist das mit jüngeren Leuten? Wollen die das überhaupt? Ist es zu unangenehm? Ist es zu krass sie mit allem, was da so ist zu konfrontieren? Können die das überhaupt schon entscheiden, wenn die noch voll klein sind? Ich weiß es nicht genau. Aber um nicht nur über jüngere Leute zu reden. Ich finde es auch spannend z.B. die Altersgruppe meiner Eltern. Da ist auch die Frage: fühlen die sich so krass angezogen von “Erogene Zone”? Ist das nicht auch zu krass für manche? Aber das ist in jeder Altersgruppe so.  

M: Ich glaube unser Ding ist auch uns da ehrlich wahrzunehmen und ich glaube wir sind zwar ein 10-köpfiges Kollektiv sehr viel diverser als Einzelunternehmer*innen das jemals sein können und wir geben uns da auch viel Mühe uns und unsere Lebensrealitäten parat zu haben. Aber ich denke, dass wir mit uns und unseren Auftritten erstmal eine uns nahestehenden Bubble ansprechen aber wir auch genau das hinterfragen und uns überlegen, was es denn braucht, damit Leute kommen.

Welche Produkte wollt ihr außer Toys, Büchern und Bildungsmaterialen noch anbieten?

M: Z.B. genderaffirming wear, also alles was Menschen für Passing oder Transitioning brauchen oder wollen. Lifestyle-Produkte, die einfach Spaß machen: schöne Karten und Sticker oder sonstige kleine Kunstdrucke, um Künstler*innen damit zu supporten, die ihre Art von Ansatz in das Thema mit reinbringen.  

S: Textilien, Unterwäsche, also z.B. Menstruationsunterwäsche oder androgyne Unterwäsche bspw. Undrowear, die da ganz tolle und vor allem super schöne Sachen machen. Im Rahmen unseres Crowdfundings sind auch eigene Siebdrucke entstanden. Sonst Geschenkartikel, Lifestyle, Goodies. Und trotzdem aber auch BDSM-Artikel. Es gibt z.B. mittlerweile tolle Alternativen aus Leder, es gibt z.B. Flogger und Handschellen aus Fahrradschläuchen, die dann vegane Alternative bieten. Da kennen wir auch Leute, die die selber machen und ganz toll bearbeiten.  

M: Außerdem Info und Produkte rund um safer sex. Also Produkte, die teilweise auch in herkömmlichen Sexshops auftauchen: unterschiedlichste Kondome in unterschiedlichen Größen, um mal darauf aufmerksam zu machen, dass du auch ein gutsitzendes Kondom haben kannst. Oder auch Alternativen zu hormoneller Verhütung. Die Portiokappe, das Diaphragma. Also nicht einfach ein Diaphragma [Anmerkung der Redaktion: das Diaphragma ist ein Verhütungsmittel, das in die Vagina eingeführt wird, um Spermien den Zugang zur Gebärmutter zu versperren] verkaufen und sagen “hier nimm”, sondern hier im FMGZ [Frauen- und Mädchengesundheitszentrum] kannst du eine Diaphragma-Anpassung machen. Da lernst du, was wichtig ist, damit es wirklich funktioniert, welche Größe wirklich passend ist, welche guten Gele es gibt. 

Ihr bezeichnet euch als queer-feministisch. Was bedeutet das?

M: Für uns war es wichtig nicht einfach nur feministisch zu nennen, sondern queer-feministisch, um klarzumachen, dass wir keinem TERF [Anmerkung der Redaktion: trans-excluding radical feminism, also Feminismus, der trans* Menschen ausschließt] angehören und dass wirklich unser Anspruch ist alle Menschen außerhalb der Geschlechter-Binarität mitzudenken, also dass es mehr gibt als die zwei Geschlechter Mann und Frau. Und eben nicht nur biologisch gedacht mehr, sondern dass auch die Identifikation sehr fluide sein kann. Das ist der erste wichtige Punkt, warum wir nicht nur feministisch schreiben. Sonst bedeutet Feminismus für uns sehr viel, z.B. intersektional zu denken, sprich unterschiedliche Diskriminierungsformen und Herrschaftsverhältnisse, aus denen Diskriminierung entsteht, mitzudenken und diese anzugehen, sie nicht gegeneinander auszuspielen. Dazu gehört auch ein antikapitalistischen . „Kampf“ – wobei das Wort mich stört. Ich meine, uns nicht gegeneinander auszuspielen. 

in Struggle für euch ist, das unter einen Hut zu kriegen. Wie passt es zusammen antikapitalistisch sein zu wollen und trotzdem auf den Kapitalismus angewiesen zu sein?

P: Das ist der konstante Zustand, der uns umgibt, und er wird umso spürbarer, wenn man selber einen Laden haben will. Ich glaube es ist nicht so, dass es da eine Lösung gibt, sondern dass das eher ein konstanter Aushandlungsprozess ist, in dem abgewägt wird und Widersprüche ausgehalten werden. Wo man das wirklich gut spüren und leben kann, ist beim Netzwerk und über die Kooperation. Da ist nicht Kohlemachen unsere oberste Prämisse, sondern da gehen andere Sachen vor, z.B. die FuckYeahs aus Hamburg teilen einfach so ganz viel von ihrem Wissen mit uns, weil sie Bock haben auf eine Welt, in der es queer-feministische Sexshops gibt.

M: Der andere Punkt ist, dass wir bedarfs- oder bedürfnisorientiert in alle Richtungen gucken. Das betrifft dann – irgendwann mal – die Geld- oder Jobverteilung. Das wir gucken, wer hat denn gerade Bedarf nach einem sozialversicherungspflichtigen Job, wer hat das Privileg durch ein abgeschlossenes Studium, was immer noch den Interessen entspricht, woanders Geld zu verdienen und sich so sichern zu können. Oder auch andersrum gedacht bei den Menschen, die dann Workshops bei uns geben oder Teilnehmende sind, zu schauen, dass es nicht das Honorar und den Eintrittspreis gibt, sondern Klassismus mitzudenken damit keine Person per se ausgegrenzt ist, vor allem nicht von so notwendigen Dingen wie Bildung. Es bestehen auch so Ideen, dass für Menstruationsartikel, die Menstruierende brauchen, Menschen, die mehr haben mehr geben, damit wer anders z.B. einen Cup bekommt oder wiederverwendbare Binden. Also die Idee von Solidarität zu leben und Raum dafür zu schaffen. 

Einen letzten Begriff haben wir noch. Ihr bezeichnet euch auch als sexpositiv. Was versteht ihr darunter? 

M: Ich finde es wichtig das als Haltung zu verstehen und nicht als Verhalten. Also dass es irrelevant ist, ob jemand viel oder wenig Sex hat, sich als asexuell versteht, sondern es viel mehr um die Herangehensweise an Körper und Sexualität geht. Ich kann es nicht oft genug sagen: Vielfalt und Fülle bringen, mit Normen aufbrechen. Dass man ernsthaft das Gefühl hat, sich entscheiden zu können, was man will. Und das kann dann auch dabei bleiben, was man die ganze Zeit schon praktiziert, weil man merkt “ach das andere interessiert mich gar nicht”, aber dass es überhaupt die Möglichkeit gibt. Dafür braucht es all das, was ihr auch als eure Slogans habt: schambefreit heranzugehen, einen offenen Raum zu haben, Nachfragen stellen zu können.  

S: Und eine Abgrenzung zu rape culture [Anm. D. Red.: Rape Culture bezeichnet ein gesellschaftliches Umfeld, in dem sexualisierte Gewalt verbreitet ist und weitgehend toleriert oder geduldet wird]. und dass auf jeden Fall alles einvernehmlich ist und patriarchale Machtstrukturen oder Unterdrückungsstrukturen da nichts verloren haben, wenn sie nicht einvernehmlich sind.  

Wie können Menschen euch unterstützen?

M: Wenn Menschen unsere Idee gut finden, dann davon reden und die Chance nutzen, nicht nur unsere Idee weiterzubringen, sondern auch mit Leuten ins Gespräch zu kommen, genau über diese Themen.  Gerade im Moment, also bis zum 22.02, haben wir noch unsere Crowdfundingkampagne laufen und freuen uns, wenn Menschen die finanziellen Mittel haben, um uns zu unterstützen. Das können sie natürlich auch außerhalb davon machen, aber beim Crowdfunding bekommen sie gleich ein Goodie dafür. 

S: Ansonsten sind wir am aktivsten auf Instagram und unsere Website ist noch im Aufbau. Man gelangt im Moment auf eine baustellenhafte Website. Oder auch auf Facebook.  

M: Menschen können uns auch dadurch unterstützen, dass sie generell mit uns in Kontakt kommen, uns von ihren Wünschen oder ihrer Kritik erzählen und das an uns herantragen. So können wir noch inklusiver und “besser” werden.  Für gemachte Fehler Verantwortung übernehmen. Wir wollen ja alles, was wir preisen, auch leben. Es wird auch bald schon möglich sein uns für Workshops zu buchen.